Gedicht des Tages

Dieter Wöhrle - Schein und Sein (Gedicht des Tages)

Schein und Sein

Sie sitzt im Zug, eine gepflegte
Erscheinung, duftet nach Parfüm,
was, als er einstieg, ihn erregte.
Nun werden Träume ungestüm.

Er hält sie für ein strahlend Licht,
zu dem die Männermotten streben,
doch nichts für ihn, den armen Wicht.
Wie unfair ist doch dieses Leben!

In Wirklichkeit sie fährt tagtäglich
zum Arzt, der ihr Tabletten gibt.
Gelenkschmerzen sind unerträglich
und machen böse, unbeliebt.

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Jacek T. Zielinski - Der Fremde (Gedicht des Tages)

 

Zielinski, Jacek T. - Mein Zahir. Gedichte

DER FREMDE

Als Fremder erwache ich auf mir
gut bekannten Planeten
zwischen dem Geräusch der Milchflaschen
und dem Schreien der Nachbarn.
Die Hunde bellen, die Betten schwitzen,
Fabriken schmeißen den Rest
nächtlicher Schichten heraus.

Ich liege im Weiß der Bettwäsche,
als wäre ich eine Braut,
Sklavin der Vernunft,
älter als Liebe.

Ich bin abwesend.

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Dieter Wöhrle - Klage einer angebrannten Tiefkühlpizza

 

 

Klage einer angebrannten Tiefkühlpizza

Mein angekohltes Hinterteil
sieht nur, wer anhebt mich und steil
von unten auf mich schaut; jedoch
mein Duft in jedem Nasenloch
verrät auch so den Zustand mein:
Bin angebrannt, ganz von allein.

War lang im Ofen, hab geschwitzt,
derweil er vor der Glotze sitzt.
Der Schinken schwarz, der Käse braun,
bin hart und trocken, kaum zu kau’n,
bin hässlich jetzt, mein Reiz ist hin.
Bleib ungegessen, wie ich bin.

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Dieter Wöhrle - Ballade vom Nutzwert der Bücher (Gedicht des Tages)

Ballade vom Nutzwert der Bücher

Und einmal mehr stand Dennis vor der hohen Mauer.
Sie wirkte mächtig, auch verletzend, böse, trist,
schien einzusperren ihn in ihre Welt auf Dauer,
schien zu verhöhnen seine Ängste, seine Trauer.
Und dabei war sie kalt und schmutzig, vollgepisst.

Er las erneut die Botschaften auf grauen Steinen.
Sie predigten den Menschenhass, Gewalt und Gier.
Er sah hinauf, denn er gehörte zu den Kleinen.

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Ulrike Kleinert - Gegen den Krieg (Antikriegstag - Gedicht des Tages)

 

Gegen den Krieg
Kosovo 1999

Einmal muss ich sterben,  
aber wenn mein Kind,
das doch weiterleben soll,
wenn ich tot bin,
vor mir stirbt, werde ich
schon vorm Sterben sterben.

Viele Kinder sterben
in unzähligen Ländern der Erde,
ihre Mütter, die noch leben,
sind mitgestorben,
bei jedem Kind mitgestorben,
mehr und mehr gestorben.

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Luisa Maureen Chilinski - James Mortis (Antikriegstag / Jugendliche melden sich zu Wort)

James Mortis

Schweißnassgebadet aufgewacht,
erneut geträumt, erneut gestorben:
James Mortis fällt, sein Kopf schlägt auf,
als schwarzer Regen ihn bedeckt.

Jeden Morgen, jeden Abend
tief verloren, Soldat James Mortis,
wenn seine Kellertür sich schließt.

Ach, wie war der Tag noch damals,
als Feuer fern und Leid ihm fremd.
Menschen sich zufrieden liebten,
Vergnügen spät erkannten Werts.

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