Elisa Bauer - Eines Tages (aus der Anthologie 8. Vechtaer Jugendliteraturpreis)
Hördatei:
Elisa Bauer (16 Jahre)
Eines Tages …
Jeder Mensch hat andere Träume, andere Wünsche. Jeder Mensch braucht für sein Glück andere Dinge.
Die einen möchten eines Tages auf Hawaii ihr Leben genießen, die anderen möchten eines Tages mit ihrer Familie auf dem Balkon sitzen und Spiele spielen. Die einen möchten eines Tages in der kühlen Winterluft im weißen und kalten und glänzenden Schnee mit dem Schlitten fahren, die anderen möchten eines Tages im warmen Sommerregen tanzen. Die einen möchten eines Tages viel Geld haben, um die Welt zu bereisen, die anderen möchten eines Tages in einem kleinen Dorf leben, in dem sie jeden kennen.
Aber was machen wir, wenn sich unsere Träume in Luft auflösen? Wenn wir unser Leben nicht nach unseren Wunschvorstellungen leben können? Wenn unser Glück verschwindet? Was machen wir, wenn wir eines Tages nur Schutt, Schlamm, Wasser sehen, wo auch immer wir hinblicken, weil wir unser Leben falsch gelebt haben?
Wenn das passiert, dann werden wir eines Tages aufwachen und aus dem Fenster blicken. Wir werden sehen, wie Familien aus ihren Häusern gestürmt kommen, nass von Kopf bis Fuß. Ihre Wohnungen werden überflutet, ihre Wände von Wasser durchtränkt und ihre Böden durchweicht sein. Menschen verlieren ihre Wohnungen und alles, was darin ist. Sie werden nach einer Unterkunft suchen müssen, aber keine finden. Alles wird kaputt sein, nichts wird mehr stehen. Die Menschen werden in Booten leben müssen, alles andere wird von einem Ozean von Tränen weggespült sein. Wo sollen sie wohnen, wenn es nichts mehr gibt?
Dann werden wir eines Tages morgens aufwachen und werden nicht wissen, wo wir hingehen können.
Dörfer und Städte werden zerstört sein.
Egal, wo wir hinschauen, werden wir Wasser sehen. Wir werden mit Gummistiefeln durch die engen Gassen rennen oder mit Schlauchbooten auf den Straßen fahren. Wir suchen nach einem Weg, um an Essen zu gelangen, aber haben keine Ahnung, wo wir anfangen sollen.
Alles, was wir sehen, sind in Trümmern liegende Wohnorte – aber keine Wohnungen, keine Supermärkte, einfach nichts. Wo sollen wir noch hin, wenn es nichts mehr gibt? Wenn alles vernichtet ist?
Dann werden wir eines Tages nachts aufwachen, weil wir Sirenen hören. Das Blaulicht schrillt in unseren Ohren wie tausend panische Schreie. Weewoo. Weewoo.
Wir werden aufspringen und aus dem Fenster blicken, wir werden die Feuerwehr dabei beobachten, wie sie auf den letzten freien Metern Straße angefahren kommt – oder eher auf den letzten Metern, die noch befahrbar sind, ohne wegzutreiben. Die Einsatzkräfte werden stundenlang am selben Platz stehen mit der Hoffnung, dass die Umgebung bald weniger wie der Pazifik aussieht.
Wir werden sie dabei beobachten, wie sie versuchen, das stehende Wasser wegzupumpen, erfolglos. Immer, wenn wir –und sie – denken, es wird langsam weniger, wird es wieder regnen, und es wird nicht aufhören.
Straße für Straße, Gasse für Gasse werden geflutet und abgesperrt werden. Keiner wird mehr irgendwo hinkommen.
Wir werden gefangen sein in unserem eigenen Zuhause – wenn man das Zuhause nennen kann.
Dann werden wir eines Tages morgens aufwachen und Angst haben. Wir werden nicht mehr wissen, wo wir im Leben stehen. Alles, was wir hatten, ist ruiniert.
Wir müssen ein neues Leben anfangen, müssen wieder bei null beginnen. Niemand wird mehr wissen, wo er hingehört und was als Nächstes passiert. Wir werden uns mit Angst erfüllten Augen gegenseitig anschauen, mit der Hoffnung, dass die Person neben uns weiß, wie wir jetzt am besten vorgehen.
Aber das wird nicht passieren.
Keiner wird wissen, was wir wohl idealerweise jetzt machen, wie wir auf die bestmögliche Art vorgehen. Wir werden wie ein Haufen Mäuse sein, leise und winzig, nur weil wir nicht aufgepasst haben. Wir werden still dastehen und zusehen müssen, wie unser Leben langsam an uns vorbeizieht, wie unsere Erinnerungen vom Wasser weggespült werden.
Dann werden wir eines Tages morgens aufwachen und uns denken „Warum haben wir nichts unternommen, als wir die Chance hatten?“.
Wir werden uns fragen, warum wir nicht mehr auf den Klimawandel geachtet haben und warum wir fast jeden Quadratmeter zugebaut haben.
Jeder wird sich innerlich die gleichen Fragen stellen, jeder wird wissen, dass es unsere Schuld ist, aber keiner wird es zugeben.
Wir werden eine Flut von Menschen mit den gleichen Problemen sein, mit den gleichen Fragen im Kopf. Und keiner kann mehr etwas ändern, denn dann, dann ist es offiziell zu spät.
Wir werden den Mond sehen, wie er aufgeht, die Sonne beobachten wir beim Untergehen. Wir werden uns denken „endlich ist der Tag vorbei“, dann fällt uns auf, dass es morgen genauso weitergehen wird. Wir überleben zwar, aber innerlich sind wir schon von dieser zerstörten Welt gegangen.
Und all das nur, weil wir aus der grünen, von der Sonne erhellten Natur Gebäude und Straßen, Fabriken und Werkstätten machen. Wir bauen Grünflächen zu und fragen uns dann, warum es immer mehr Überflutungen gibt.
Das Leben ist nicht nur ein ‚in Wohnungen sitzen‘, vor allem nicht, wenn genau das nicht mehr möglich ist, weil unsere Häuser zerstört sind. Eines Tages wird es jedoch zu spät sein, um unsere Lebensweise für eine gute Zukunft zu ändern. Wenn alles zugebaut ist, dann ist nun mal alles zugebaut, und es ist zu spät, um die Richtung zu wechseln.
Wenn wir an diesem Punkt angekommen sind, ist es zu spät und unsere Träume sind zerstört. Es wird kein „um die Welt reisen“ oder „auf dem Dorf mit jedem reden“ mehr geben. Das wird unsere Realität, das ist unsere Realität.
Noch scheint alles ganz weit weg, noch scheint alles perfekt. Es ist alles nur eine Frage der Zeit, bis uns unsere Lebensweise einholt. Bis aus ‚ein bisschen Klimawandel‘ plötzlich geflutete Straßen, kaputte Häuser und in Booten lebende Menschen werden.
Bis aus ‚Bodenfläche mit Fabriken und Parkplätzen zubauen‘ auf einmal eine wie der Pazifik aussehende Stadt wird.
Wir haben und werden Probleme haben.
Aber wir gedankenlosen Schauspieler reden uns ja alles gut und sagen einfach „es ist ja alles gut“.
Genau, es ist ja alles gut.
Bis es das nicht mehr ist und es zu spät ist.
Bis die Zukunft der jetzigen und zukünftigen Generationen zerstört ist.
Und dann? Dann fragen wir uns: „War es das wert?“