Helena Haselsteiner - Marillen im Arkadenhof (1. Preisträgerin des 8. Vechtaer Jugendliteraturwettbewerbs
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Im Arkadenhof stehen die Bänke leer. Unter den Bäumen werden sie von durchbrochenem Licht getroffen und Blätterhaufen türmen sich in einem feuchten Braun. Das Blau am Himmel spannt ein Zelt über den Hof, der, eingemauert zwischen vier gelb verputzten Gebäudewänden, keinen Ton von außen hineindringen lässt. Die Säulengänge werfen Schatten, die sich mit jeder Stunde weiterdrehen und den Hof aus einem neuen Blickwinkel freigeben. In der Mitte ziert sich auf dem quadratischen Platz ein begrüntes Feld, in dessen Erde große und kleine Steinplatten stecken. Die eingravierten Namen darauf sind beinahe vergessen, so wie der Hof selbst beinahe vergessen ist, denn nur ein kleines, unscheinbares Gittertor weist auf jenen Ort, der sich hinter den Mauern verbirgt.
Hier ist der Platz, an dem man der Sonne ins Gesicht sehen kann. Wenn die Strahlen zwischen dem hohen Blätterhaufen hindurchstechen, stiert er von einer der Bänke zurück in ihren goldenen Kreis, und das Stieren lässt ihn beinahe alles um ihn herum vergessen. Dann sieht er nur das Flimmern, das mit jedem Windhauch durch die Blätter erzittert. Dieser Augenblick hält einige Momente, immer so lange, bis ihn der Klang des knirschenden Kieses unter Fußtritten aus seiner Starre lösen und den Blick zu dem Gärtner wandern lassen, der jeden Nachmittag kommt, um die Primeln, Veilchen und Vergissmeinnicht vom Durst der Hitze zu befreien. Seine Schritte immer etwas holprig, zieht er ein Bein nach dem anderen, der Oberkörper immer weiter voraus, und so kommen seine Beine im Gehen senkrecht kaum über den Bauchnabel hinaus. Die Hände faltig, aber stark, zieht er den Schlauch aus seiner Trommel und lässt das Wasser in feinen Kristalltröpfchen, wie sie sich in Spinnennetzen verfangen würden, über die Erde segeln. Das Bild ist ein friedliches und es lässt einen fast noch mehr verfangen als der goldene Ball hinter den Baumkronen, dessen Strahlen sich jetzt in einem ähnlichen Flimmern dem Sprühregen hingeben.
Drei Schritte nach rechts, drei nach hinten, Kopf zur Entspannung in den Nacken, wieder nach vorne, das Wasser senkt sich immer noch hinab, unaufhaltsam, ein einziges Fallen, ein Fall von Genügsamkeit, und er schaut dem Spektakel von der Bank aus gerne zu. Im Gärtnern ist der Gärtner bei sich – wenn er den Schlauch zu Boden legt, einmal die Hände in die Hüften stützt, ja, er steht noch stabil, sich dann an manchen Grasecken bückt, um etwas aus der Erde zu ziehen, gerade zu biegen oder sich nur für einen Moment umzuschauen. Er richtet sich wieder auf, lässt den Blick zu den Arkaden streifen, deren Schattenwurf bald den frühen Abend andeutet, und bleibt mit seinen Augen schließlich an ihm hängen, der immer noch auf der Bank sitzt und zurückschaut. Warten. Der Gärtner setzt sich wieder in Bewegung, ein Bein hinter dem anderen nach über den grünen Platz, bis er bei ihm ankommt und sich neben ihm auf die Bank fallen lässt.
Erst jetzt, da sie so nahe beieinandersitzen, ist das Schnaufen des Gärtners zu hören, das er tief in seine Lunge zieht und das ihn einige Sekunden lang schweigen macht, bis er sich ein wenig mit dem Oberkörper, die Hände auf die Knie gestützt, in Richtung seines Sitznachbarn dreht, um ihn noch einmal aus der Nähe zu betrachten. Erneut atmet er tief ein und murmelt dann: Der Arkadenhof. Sein Nachbar nickt stumm, er blickt noch immer geradeaus auf die Gräberreihen und die Baumkronen, die ein letztes Licht einfangen, das fast schon hinter den Häusermauern verschwindet. Weil er nichts darauf erwidert, lässt der Gärtner seine Hand in die weiten Seitentaschen seiner Arbeitshose gleiten und holt beim Herausziehen zwei knallorange Marillen hervor, hält kurz inne, als warte er auf eine Reaktion, und streckt dann, als diese ausbleibt, die Hand mit einer Marille nach vorne in die Luft, wo er den Arm ruhen lässt. Damit hat er die Aufmerksamkeit seines Sitznachbarn gefangen, der seine Augen nun vorsichtig, aber neugierig ein wenig mehr in die Richtung des Gärtners bewegt. Dieser hebt nun die Hand mit der anderen Marille vor sein rechtes Auge, sodass er nur noch mit dem linken auf die nach vorne gestreckte Hand blicken kann. Kurz kichert er auf. Wie die Sonne, noch einmal kichern. Nun wendet der Sitznachbar ihm endgültig das Gesicht zu, ein junges Gesicht, braun gebrannt und faltenfrei, nicht älter als zwölf Jahre. Als der Junge sieht, wie der Gärtner sein rechtes Auge verdeckt und nur mit dem linken die Marille im Baum anstarrt, macht er es ihm nach, verdeckt sein linkes Auge mit der linken Hand, stiert mit dem rechten nach vorne, und dann kichert auch er, so wie der Gärtner gekichert hat, weil er erkennt, dass die Marille im Baum tatsächlich ein wenig wie die im Hintergrund absinkende, goldene Sonne aussieht, und er freut sich daran, sie doch noch ein wenig länger sehen zu können, in den Baumkronen über dem Arkadenhof.
Schließlich zieht der Gärtner die Hand wieder zurück, er zögert einige Momente und reicht dem Jungen dann eine der Marillen. Wieso bist du nicht zu Hause? Hm. Der Junge beginnt die Füße hin und her baumeln zu lassen und dabei im Kies unter der Bank zu scharren. Gerne hätte der Gärtner ihn dafür gemaßregelt, er würde seine Schuhe damit kaputt wetzen, aber er hat Angst, der Junge könnte dann gehen, also sagt er lieber nichts. Stattdessen zieht der Junge die Schultern hoch und starrt weiterhin auf das Gräberfeld vor ihm. Und so schweigen sie. Die Sonne ist hinter den gelb verputzten Häusermauern verschwunden und die Arkaden werfen keine Schatten mehr, nun stehen sie beständig und die dunklen Gänge wirken beinahe unheilvoll. Das Scharren auf Kies, der Blick in der Luft, die Marille in der Hand. Und warum bist du hier auf dem Friedhof? Und der Junge hört auf, mit den Füßen im Kies zu scharren, und wie als hätten seine Füße aufgehört zu sprechen, sagt jetzt der Mund an ihrer Stelle und wieso bist du hier auf dem Friedhof? Um die Pflanzen zu gießen. Hm. Und um Erinnerung zu behalten. Siehst du diesen Stein dort drüben? Die Hand des Gärtners weist geradeaus. Der Stein, den er meint, ist aus grauem Granit mit einer geschwungenen Krone, die wie ein Sahnehäubchen in einem Spitz endet, gemeißelt und mit einem Beet aus violetten Veilchen und blauen Vergissmeinnicht drumherum geschmückt. Den Schriftzug, der auf dem Stein geschrieben steht, kann der Junge von der Bank aus nicht lesen, er kann nicht einmal sehen, ob es überhaupt einen gibt, doch er vermutet es, denn der Gärtner fügt hinzu: Das Grab eines Seelenverwandten und welcher Seelenverwandte trägt schon keinen Namen. Der Junge blickt den Gärtner an, und obwohl er nichts sagt, murmelt der Gärtner: Schon gut, er war ja schon alt. Aber wenn er gewusst hätte, wie schnell die Zeit doch vorübergeht, er hätte aufgehört, sich so viele Sorgen zu machen, und mehr von der Hoffnung zugelassen, die dem Ganzen einen Sinn gibt. Das hat er zu spät verstanden, dass, was um einen herum passiert, so oder so passiert, das ist ein Wandel, der nicht aufzuhalten ist, und dass man sich darin fühlt wie in einem Strom, der einen den Bach entlang mitreißt, das ist auch normal, weil nach den scharfen Steinen, die einem am Weg die Haut blutig reißen, irgendwann ein stilles Gewässer kommt, in dem man sich gewogen fühlt wie in einer Badewanne. Das ist etwas, das er zu spät gelernt hat, mein Verwandter, er hat, anstatt sich treiben zu lassen, versucht, sich an den schrammen Felsen im Wasser festzuhalten, und sich dabei nur noch wunder geschliffen. Die Flut wird einen schon an einen richtigen Ort bringen, das Einzige, was einem bleibt zu tun, ist nicht zu ertrinken.
Der Junge blickt ihn von der Seite her an, aber er sagt nichts.
Als der Gärtner an diesem Abend in seine einsame Küche zurückkehrt, liegen seine Gedanken immer noch bei dem Jungen und ein beinahe väterliches Sorgegefühl kommt in ihm auf, das sich so verschleiert, so neu anfühlt, dass er sich kurz nicht sicher ist, ob die Begegnung auf dem Friedhof eine reale gewesen ist. Im Ofen macht er sich den zwei-Tage-alten Gemüseauflauf warm, den er schon lange satt hat zu essen, aber Essen wird nicht verschwendet. Dahin schweifen seine Gedanken zurück: Als der Himmel sich so blau wie über dem umschlossenen Friedhof jeden Morgen über seine alte Heimat spann und damit das stille Meer zu den Sternen holte, das dann da ohne Wellen und ohne Kampf ganz friedlich lag und mit dem Blick von unten nach oben schön anzusehen war. Er liebte diesen Blick, der jetzt vergraut, wie die Kondensstreifen, die Kampfflugzeuge hinter sich nachziehen, in seiner Erinnerung liegt und ihn nur noch an das Heulen und Rattern über ihn denken lässt, das ihn sich damals schwören hat lassen, nie wieder einen Blick in den Himmel zu werfen, wo man doch hoffnungsvoll und angstfrei zu sein hat.
Als sich der Gärtner am nächsten Tag – die Sonne heizt bereits gleißend den Asphalt – auf den Weg zum Friedhof macht, kommt ihm alles ein wenig undurchdringlich vor, wie ein einziger Traum, als wäre sein ganzes Leben ein langer Traum, den zu verwirklichen er nicht wagt. In seinem holprigen Schritt zieht er ein Bein nach dem anderen nach, schwingt das Gittertor an der Ecke zweier gelb verputzter Hauswände auf und tritt auf den Friedhof, auf dem, so wie gestern Nachmittag und wie alle Nachmittage davor, Granit und Marmor in der Sonne glänzen und sich Primeln, Veilchen, Vergissmeinnicht, vereinzelte Rosen und Krokusse nach Wasser sehnen. Der Gärtner zieht den Schlauch aus seiner Trommel, lässt das Wasser über die Erden sägen und die Sonnenstrahlen sich in den einzelnen Tröpfchen verfangen. Dann legt er den Schlauch zu Boden, blickt hinüber zur Bank, die heute leer und einsam erscheint, und geht los, zieht ein Bein hinter dem anderen nach und setzt sich dort, wo er gestern mit dem Jungen gesessen hat. Erst jetzt bemerkt er, dass da ein Brief liegt, ein weißes Kuvert sorgsam zusammengefaltet.
Der Gärtner nimmt es in die Hände, wo es sich rau anfühlt, zweifelt kurz daran, ob der Brief tatsächlich für ihn bestimmt sei, öffnet ihn dennoch und zieht einen dünnen linierten Zettel hervor, auf dem mit Bleistift ein paar Sätze geschrieben stehen.
Das Schwierigste daran ist, dass es sich nicht nach zu Hause anfühlt. Deswegen komme ich hier auf den Friedhof, weil es sich meiner Familie, meinen Freunden, meinen Bekannten und allen Fremden aus meiner Heimat näher anfühlt. Viele von ihnen sind tot, weil sie nicht fliehen konnten. Nur ich bin hier und muss mich dafür schämen, sicher zu sein und die Sicherheit trotzdem nicht zu schätzen. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal glücklich werden kann. Wie soll man das können? Man kann sich doch nicht ewig im Wasserstrom treiben lassen.
Dir schaue ich gerne beim Gärtnern zu. Ich glaube, das ist das Einzige, was mich beruhigt, mich um einen kleinen Friedhof zu kümmern und die Pflanzen zu wässern, jeden Tag. Damit könnte ich mein Leben verbringen.
Anton Buchs
Noch einmal fliegen die Augen des Gärtners über die Signatur. Anton Buchs. Noch einmal. Fährt mit dem Finger über jeden einzelnen Buchstaben, als könne die Bewegung eine weitere Bedeutung entschlüsseln. Da steht sein eigener Name geschrieben. Anton Buchs. Unwirklich kommen ihm jetzt die Zeilen vor, die der Junge an ihn richtet, der ihm inzwischen so fern und so unreal erscheint, dass sogar die Erinnerungen an sein Gesicht vor den Augen des Gärtners schwinden.
Er legt den Brief wieder zusammen und schiebt ihn in seine Hosentasche, wo er dann die Marille bemerkt, die da noch in ihrem sanften Gewicht an dem Stoff der Hose zerrt. Eine Marille. Er nimmt sie heraus und dreht sie in der Hand. Der Gärtner steht auf und humpelt zurück zu dem Feld, auf dem er den Gartenschlauch in der Wiese liegen gelassen hat. Der Junge wollte Gärtner werden. Weil der Trubel der Welt nicht durch diese vier Mauern eindringen kann. Weil der blau gespannte Himmel über einem nur ein blauer Himmel bleibt und das einzige Weiß die Wolken sind, die sich manchmal vorschieben. Keine Einsamkeit, die einen hier umgibt, nur Ungestörtheit. Der Gärtner humpelt zu dem Grab aus grauem Granit, das ein Sahnehäubchen trägt und von Veilchen und Vergissmeinnicht umsäumt wird. Ein unscheinbares Grab, um das sich der Gärtner jedoch besonders gerne bemüht. Er kommt zum Stehen und setzt sich dann in das Stückchen Wiese davor, nicht ohne Anstrengung. Noch einmal betrachtet er die Marille in seiner Hand, bevor er sie auf das Beet vor sich kullern lässt. Zwischen Veilchen und Vergissmeinnicht kommt sie zum Stillstand und liegt wie von einem Baum gefallen. Die Augen des Gärtners schweifen zu dem Grabstein, auf dem eingraviert in dünnen Lettern geschrieben steht: Anton Buchs. Gärtner und Träumer. Und er schließt die Augen, sinkt zurück in ein weiches Bett aus Gras, hört gerade noch das Sausen, das Heulen und Rattern über sich am Himmel vorbeiziehen und aus der Ferne unaufhaltsame Schreie einer Frau, die versuchen ihn zu wecken, zurück zu sich zu holen, doch sie sind schon so weit weg und Anton Buchs bereits in seinen letzten, langen Traum gefallen.