Salomé Miszori - Der Sprung ins Morgenrot (aus dem Vechtaer Jugendliteraturpreis)

Hördatei: 

Salomé Miszori (15 Jahre)

Der Sprung ins Morgenrot

 

Ich tauche ein in das kalte Wasser, es ist sehr tief, aber ich vertraue auf meine Schwimmfähigkeiten. Vielleicht wird es ungemütlich und schmerzhaft. Vielleicht werde ich dieses Gefühl von Wärme, das mich fast mein ganzes Leben lang begleitet hat, nie wieder spüren können. Vielleicht werde ich diesen Weg nicht schaffen. Vielleicht werde ich nach dem, was in meinem Leben geschehen ist, nie wieder ein glückliches Leben führen können.

Und VIELLEICHT habe ich auch Angst. Jedoch habe ich keine andere Wahl, als mich diesem VIELLEICHT zu stellen. Ich werde diesen Weg jetzt gehen – müssen –, ich muss das jetzt durchstehen. Wenn ich es morgen nicht mache, wann dann?

Es ist Sonntagabend, der 17.08.2025, ich liege in meinem Bett unter meiner Decke und schaue hoffnungsvoll an die Wand. Morgen wird die Schule wieder beginnen. Ich habe Angst, dass sie mich nicht akzeptieren, wie ich bin. Ich habe in meinem Leben schon immer das Gefühl gehabt, anders zu sein als die anderen Kinder in meinem Umfeld, doch habe ich es mir nie anmerken lassen. Ich habe versucht zu sein wie sie, so zu spielen wie sie, so zu lachen wie sie, aber niemand konnte mich auf die Art verstehen, wie ich versucht habe, sie zu verstehen. Es macht einsam, für andere immer da zu sein, aber nie wirklich das Gefühl zu haben, dass jemand für einen selbst da ist. Ich habe das Gefühl, ich lebe manchmal in einer anderen Welt. Nämlich in einer Welt, wo Werte keine Bedeutung mehr haben. In einer Welt, wo es cool ist, „herzlos“ gegenüber anderen Menschen zu sein, ohne darauf zu achten, wie verletzend das ist. Auf einer Erde, auf der das Fremdgehen zur Normalität wird und das Vertrauen derer ausgenutzt wird, die am meisten geliebt haben. In einem Universum, das nur noch von Hass geprägt ist und wo die Liebe Gottes keine Rolle mehr spielt.

Ich frage mich: Was bleibt von dem, was gestern noch verständlich war? Wann war der Punkt, als die Leute sich entschieden haben, rücksichtslos zu sein? Wenn jeder Mensch nur ein kleines bisschen rücksichtsvoller gegenüber seinen Mitmenschen wäre, wäre die Welt so viel besser!

Doch stattdessen lebt jeder nur noch in seinem Universum mit seinem Handy. Das ist doch echt traurig, oder? Neulich war ich mit meiner Familie bei McDonalds und meine Mutter war völlig fassungslos, dass zwei Menschen auf ein Date gehen, aber statt sich in die Augen zu schauen und miteinander zu reden, nur auf ihre Endgeräte starren. Ich würde mir so gerne wünschen, auch mal mit einem Jungen auf ein Date zu gehen, ein Junge, der mich wertschätzt, so wie ich bin, einer, der nicht mit meinen Gefühlen spielt, einer, der mir Respekt erweist, einer, der mit mir tiefe Gespräche führt und einer, der mich für immer lieben wird.

Doch dazu bin ich womöglich in der falschen Generation geboren, denn es gibt ihn nicht!

Es gibt ihn noch nicht.

Ich bin einfach zu sehr ich!

Ich sehe es zu häufig in dieser Welt, dass Menschen anderen Menschen gefallen wollen. Wenn man mich gestern gefragt hätte, ob ich so eine Person kenne, hätte ich zu einhundert Prozent Ja gesagt, denn genau so ein Mensch war ich. Ein Mensch, der verstanden werden will. Ein Lebewesen, welches Anerkennung braucht. Ein Kind, das im tiefsten Inneren einsam ist. Ich wollte anderen Menschen gefallen, aber habe mir selbst damit nicht gefallen. Ich wollte nie frech sein, ich wollte Menschen nicht verletzen. Ich wollte es nicht, aber mein Umfeld hat mich dazu getrieben und ich habe mich treiben lassen. Sie haben mich verändert. Die Menschen, die mich am meisten verletzt haben, waren sie …

Meine besten Freunde.

Die Menschen, die ich am meisten geliebt habe, haben mich am Ende am meisten verletzt.

Es ist gleich Mitternacht, bald wird der neue Tag starten. Morgen wird der Tag sein, an dem ich das neue Klassenzimmer betreten und meiner neuen Klasse sagen werde: „Hier bin ich.“ Morgen wird der Tag sein, an dem ich die Chance bekommen werde, mich richtig zu beweisen.

Ich denke, jeder Tag bringt eine neue Chance mit sich. Ich möchte ein paar schöne Worte meines Vaters hier hinzufügen, welche er mir in der Situation gesagt hat, als ich unendlich enttäuscht wurde. In jederlei Hinsicht ist dies ein schöner Gedankengang, welchen ihr euch immer in Erinnerung rufen könnt: „Ich bin enttäuscht worden, das heißt, ich habe mich getäuscht. Die Enttäuschung ist jetzt aber vorbei; sie ist weg. Jetzt habe ich Klarheit und jetzt kann ich damit umgehen.“ Es ist hart zu verstehen, dass man von einer geliebten Person enttäuscht worden ist, aber bitte fragt euch, was schlimmer ist, ein Leben lang mit einer Lüge zu leben oder mit der Wahrheit klarzukommen. Ich denke, ihr wisst die Antwort?!?

Wenn ich Menschen in meinem Leben erzählt habe, dass ich Juristin werden möchte, haben viele nur den Kopf geschüttelt.

„Lerne doch lieber was vernünftiges, Kind“, waren ihre Worte. Oder: „Du musst einen Beruf ausüben, bei dem Job und Familie kompatibel sind.“ Es ist ihnen egal, dass es mein Traum ist. Ich würde alles dafür tun, um die Möglichkeit zu bekommen, Jura zu studieren, doch die Kommentare in meinem Umfeld machen mir Angst. Aber ich lasse mich davon nicht einschüchtern.

Ich werde das schon machen, ich werde meinen Weg gehen müssen. Ich werde mein altes Leben jetzt loslassen müssen. Denn jeder Mensch sollte das Leben leben, welches ihn selbst erfüllt.

Ich tauche ein in das kalte Wasser, es ist sehr tief, aber ich vertraue auf meine Schwimmfähigkeiten.

Der Kirchturm schlägt zwölfmal.

Es ist Mitternacht.

Die Raupe sagt, es ist das Ende der Welt, der Schmetterling sagt, es ist erst der Anfang.