27.02.2026 - aktuelle Autorin - Emma van Beek
Emma van Beek
ist gerade im Übergang zu einem Studium, wobei der Weg noch nicht abschließend festgelegt ist. Auf jeden Fall wird es etwas zum Thema Kunst sein. Ihre Tätigkeiten in diesem Bereich sind vielseitig, wobei das Dichten und das Schreiben im Fokus liegen. Sie hat zum Ziel, irgendwann für eine große Leserschaft zu publizieren. Dabei beschäftigen sie besonders die Nuancen von Menschlichkeit und die Frage nach Ästhetik darin.
Emma van Beek (19 Jahre)
Ende und Beginn – und wir sind mittendrin
Kann ich überhaupt mithalten? Ich liege am Boden. Mir ist heiß. Die Sonne brennt auf meiner Stirn, jagt mir Schweißperlen die Schläfen hinunter. Mein Blick folgt den Federwolken, wie sie Schatten über die Weizenfelder ziehen. Wenn ich ganz still bin, meine ich, es hören zu können. Wie der Wind sie wiegt und sie gen Horizont schiebt. Grashalme kitzeln mir im Nacken. Ich halte meine Handfläche vor Augen, bevor ich sie auf meiner Brust ablege. Lieber Himmel, du siehst uns alle – jederzeit. Drum frag ich dich, denn ich frage mich: Sind die Bilder, die uns gezeigt werden, echt? Schmelzende Pole, jaulende Eisbären, steigende Gradzahlen und Meeresspiegel. Passiert das alles wirklich? Es ist leicht zu ignorieren, wenn es einem so fern vorkommt. Wenn sich die einzige Erinnerung an die Bedrohung in der sengenden Junisonne zeigt oder in einem zweidimensionalen Viereck abspielt und auch nur dann, wenn man sich entscheidet hinzuschauen. Es ist leicht, sich nicht zu scheren. Die Augen von der Sonne abzuschirmen und sich nur um das zu kümmern, was un-mittelbar vor einem passiert. Wir sind so gewöhnt an unse-ren angeborenen Wohlstand, an die Selbstverständlichkeit von Friedlichkeit in unserem Leben. Hat der Mensch sich schon immer so privatisiert und in seinem Mitgefühl isoliert? Ist die Entscheidung, in dieser Lüge über Sicherheit und einer heilen Welt zu leben, vielleicht einfach Selbst-schutz? Aber das Monster verschwindet nicht, nur weil man sich eine Decke über den Kopf zieht, oder? Und das Schiff lässt sich nicht vom Untergehen bewahren, wenn man die Augen dabei schließt. Wenn man sich den Tatsachen stellt, erkennt man ihr Ausmaß, erkennt, dass man sie sich nicht einfach wegwünschen kann. Wie kann es also sein, dass wir uns auf direktem Weg dem Abgrund nähern, und alle Mitfahrer die Augen fest verschlossen halten? Wie kann ich mir als junger Mensch – als vergleichsweise kurzer Bewohner dieser Erde – so bewusst darüber sein, während es meinen älteren Artgenossen so fern zu sein scheint wie der Mond an deinem Himmel? Es gibt schon lange Stimmen, die fragen: Wo ist die Liebe hin? Die Wertschätzung für den Lebensraum und die Wunder der Natur, die uns geschenkt wurden. Und mittlerweile klingt es bloß noch wie eine überspielte Anekdote aus der Hippie-Zeit und wird belächelt, als liberales Hirngespinst abgetan. Kann man dich nur erreichen, wenn du es am eigenen Leib spürst, reichen dir die Bilder nicht? Musst du selbst bis zum Hals im Wasser stehen? Wenn man die Möglichkeit hat zu helfen, dann muss man es doch tun, oder? Ist es nicht irgendwo ein Fall von unterlassener Hilfeleistung, wenn man Menschen in Not sich selbst überlässt? Wie viel Leid hat Platz in einer einzelnen Seele? Kann sie es sich für mich leisten, das derer aufzunehmen, die ihr eigenes nicht tragen können? Die verdammt sind, in einem Leben aufzuwachen, das ich nur aus Albträumen kenne? Ich denke an die sich selbst überlassenen hilflosen Tiere dieser Welt, und frage mich, wer damit begonnen hat, sich anzumaßen, sie wären uns unterlegen oder minderwertiger. Sie kommen in Fragen Schutz und Sicherheit immerzu an letzter Stelle, einfach weil sie sind, was sie sind. Wer beschützt diejenigen, die sich nicht selbst schützen können? Alles drückt, drückt mich zusammen wie einen Plastikball.
Wir kriegen tagtäglich die Chance, uns zu bessern, um uns allen das Leben auf dieser Welt erschwinglicher zu machen, und trotzdem wächst das Gefühl tagtäglich in mir, dass sich die Menschheit gerade immer sicherer in eine Abwärtsspirale begibt. Ich weiß, dass es oft komplizierter ist als das. Dass es bereits viele Seelen gibt, die sich bemühen, die sich dafür einsetzen, dem gar ihr Leben widmen. Und trotzdem liegt mir das Gefühl, dass die vielen einzelnen guten Taten nicht gegen die Flutwelle an Grausamkeiten dieser Welt ankommen, schwer auf meinen Schultern. Ich möchte mich aus der Ohnmacht befreien, vor die Menschheit treten und sie wachrütteln, schreien: „Was ist mit euren Herzen passiert?“ Will sie erinnern, was ein Leben wert ist. Will ihnen eine Empathie-Pille einflößen. Will sie durch ein Sieb jagen, und all die Ignoranz, die Selbstsucht und die Gier aus ihnen herausfiltern. Ich stelle mir eine friedliche Welt vor. Und das fällt mir leicht, weil ich das Privileg habe, niemals etwas anderes gekannt haben zu müssen. Ich stelle mir vor, dass jeder genug hat und damit zufrieden ist. Wie sich die Menschen ähneln und unterscheiden, und dies im freudigen Miteinander zelebriert wird. Wo niemand Angst haben muss, sich jeder sicher fühlen darf. Müsste man erst die ganze Natur des Menschen umkrempeln, um eine Chance auf Besserung zu haben? Um dem Zerstörungswahn Einhalt zu bieten? Ich erwische mich dabei, wie es mir tagtäglich egaler wird, ob es die Menschheit schafft, sich selbst zu retten. Ich würde es nicht für sie tun, sondern für alle die anderen, die dadurch in Mitleiden-schaft gezogen werden. Wir haben uns so sehr an das Privi-leg der Existenz gewöhnt, obwohl es eigentlich der größte Zufall, das größte Glück ist, von dem wir wissen. Achtlos, undankbar. Mir fallen viele Worte ein, um über unsere Spezies herzuziehen. Ist es vielleicht sogar ein gnädiges Schicksal, wenn sich die Erde von uns befreit? Vielleicht tun wir ihr, und denen, die es tatsächlich schaffen, mit ihr im Einklang zu leben, ja einen Gefallen, wenn wir einfach so weitermachen wie bisher. Bis zum Abgrund. Ob wir unsere Fehler im Fallen begreifen? Ob wir mittendrin hoch in den Himmel schauen, der uns immer ferner wird, und endlich erkennen, was er uns so lange für ein treuer Beschützer war? Oder die Sonne, die uns wärmt, aber immer stets genug Abstand ge-halten hat, um uns nicht zu verbrennen? Oder die Erde, die uns getragen und genährt hat wie eine Mutter ihr Kind? Man merkt erst, wie sehr einem etwas fehlt, wenn man es verloren hat. Aber ich glaube, der Erde würden wir nicht fehlen. Ein Ende unserer Existenz würde ein Anfang von etwas an-derem bedeuten. Vielleicht der Anfang einer wahrlich friedlichen Welt. Lieber Himmel, gewährst du mir einen Wunsch? Ich würde mehr tun als bloß zu hoffen, und ich bemühe mich, gut zu sein, der Erde dankbar zu begegnen und mich für andere zu engagieren, die es brauchen. Aber wie ich hier liege, im Schatten deiner Wolken, in der Gunst von Unversehrtheit, weiß ich, dass es mehr braucht als mich. Dass wir zusammenhalten müssen, um einen Unterschied zu machen. Dass wir zueinander zurückfinden und uns vertragen müssen. Wiedergutmachung. Das Gleichgewicht wiederherstellen. Ich wünsche mir einen Regen, der auf die Haut all derer hinunterprasselt, die immer noch im Glauben stecken, dass es nichts zu retten gäbe. Der allen den Sand aus den Augen spült und sie sehen lassen, was uns bevorsteht, sie spüren lassen, was es bewirkt, sich nicht zu scheren. Vielleicht können die Wolken ihnen ein Wegweiser zur Besinnung sein.
Ich erhebe mich aus dem Gras und fixiere den Horizont. Da braut sich was zusammen. Die Wolken bauschen sich auf, türmen sich aufeinander, bis sie sich völlig aufgeplustert haben. Der Horizont und ich – wir schauen uns innig an. Ich strecke ihm meine Faust entgegen, und lasse den Wunsch los. Ob der Regen fällt? – Weiß ich nicht. Aber mit allem, was ich habe und bin – hoffe ich es.