Andreas Peters - FÜR IHOR, DEM GERICHTSMEDIZINER*
FÜR IHOR, DEM GERICHTSMEDIZINER*
Knochen eines jungen Soldaten. Ein
Schädel, Teile des Beckens, Rippen,
Knochen von Armen und Beinen. Viel ist
von ihm nicht übriggeblieben. Nicht in
den Sand der Name geschrieben, nicht
in die Sterne.
Ihor nimmt den Knochen in die Hand.
Stellen, gleich Jahresringe, an denen das
Alter des Toten abschätzen lässt. Keine
Verknöcherungen. Ein junger Soldat,
maximal 23 Jahre alt. Der Krieg fährt
nicht in Urlaub, auch nicht auf die Krim.
Wer bist du, Soldat? Woher kommst du?
Wann genau starbst du, Junge? Wer wartet
auf dich, Vater, Mutter eine Schwester,
Frau oder Geliebte? Auf dem Display
„Mama ruft an, Mama ruft an“, die
die Totengebeine, die DNA?
Wo Trost finden, Prophet**, ein Scheit
aus dem Feuer, gleichwie ein Hirt dem
Löwenrachen zwei Schenkel entreißt oder
ein Ohr, so werden die Lämmer zur
Schlachtbank geführt: zwei Knien zum
beten, ein Ohr – die Stimme zu hören?
12.09.2026
* Reportage von Susanne Petersohn am 17.08.2026, ARD Kiew, zzt. in Dnipro.
** Amos 3,12