Barbe Maria Linke - Das eine Wort

Das eine Wort

Barbe Maria Linke

 

Gelenkige Beine, flinke Füße, erhobene Arme.

Jemand hat die Tür geöffnet.

Jetzt stoßen sie heraus, wenden sich nach rechts, beginnen zu rennen.

Als befänden sie sich auf einer grünen Weide, saugen sie sich voll, blähen sich auf.

„Hier können Sie sehen, wie sie sich ausbreiten, sich vermehren, die alten und die neuen …“

Das Wort, das seine Kindheit vergiftet hat, spricht er nicht aus.

Er streicht über das schüttere Haar, blickt auf den Monitor.

Die Gestalten, geordnet nach Größe und Umfang, beginnen eine Formation zu bilden.

Eine Kette.

Sie tragen Uniformen, seltsame Hüte.

Applaus ist zu hören.

Marschmusik.

Er schließt die Augen. Das Herz pumpt.

Er weiß, weshalb er noch immer den weißen Kittel trägt.

Er möchte heraus finden, ob es sich wiederholen kann.

Das, was er im Lager ‚Dora‘* erlitten hat.

Er betrachtet die Zeichen, analysiert sie seit Jahren.

Abends, unter der Leselampe, fragt er sich zum wiederholten Mal,

ob auf dem Grund, der ihn am Leben gehalten hat, das eine erlösende Wort liegt.

 

* Das Lager ‚Dora‘ am Südhang des Kohnsteins nördlich von Nordhausen/ Thüringen war ein nationalsozialistisches Konzentrationslager.