Ben Niehuus - Fahrscheine, bitte!
Ben Niehuus (18 Jahre)
Fahrscheine, bitte!
„Die Fahrscheine bitte!“
Ein Ticket wird über den Ausklapptisch geschoben. Die Frau, der es gehört, zieht eine Wasserflasche aus dem Rucksack unter ihren Beinen und stellt sie neben ihre Pokébowl. Sie nimmt ein winziges Stück Ingwer zwischen die Stäbchen und führt es zum Mund.
„Dazu bräuchte ich einmal einen gültigen Lichtbildausweis“, sage ich.
Sie blickt mich an, erst irritiert, dann verständnisvoll. In ihrer Strickjacke, zusammengerollt neben der Armlehne, befindet sich ein kleines hellbraunes Portemonnaie. Aus der Reißverschlusstasche zieht sie einen Personalausweis hervor. Ich werfe einen Blick darauf. Die Frau auf dem Bild hat blonde Haare, keine grauen wie die Frau in meinem Zugabteil. Sie haben fast denselben kurzen Haarschnitt, ganz sicher dieselben grünen Augen, die mich nun gleich zweifach in erwartungsvoller Langeweile ansehen. Natalie heißt sie, geboren in der Stadt, in der wir losgefahren sind. Das Ausstellungsdatum war vor drei Jahren. Weniger, als ich erwartet hätte. Die Natalie auf dem blau gemusterten Sitz vor mir sieht älter aus, teils durch ihre Haarfarbe, teils durch … was ist es? Ihre Reife, ihr Selbstbewusstsein? Eher Routine. Ich meine das übrigens nicht negativ. Sie sieht besser aus mit den gefärbten Haaren. Ich reiche Ausweis und Ticket zurück, sie steckt beides zurück in ihr Portemonnaie und lässt es auf dem Ausklapptisch liegen. Sie trägt einen Armreif am linken Handgelenk. Hübsch, aber nicht teuer. Er passt nicht zu ihrem schlichten T-Shirt und der sportlichen Jeans. Er muss der Natalie auf dem Passfoto gehört haben.
Der Mann am Fensterplatz hat noch keine Anstalten gemacht, mir sein Ticket zu präsentieren. Er hat sich den Schlapphut tief ins Gesicht gezogen, wahrscheinlich um nicht von der Sonne geblendet zu werden. Seelenruhig liest er in seinem Roman. Jane Austen, glaube ich am Cover zu erkennen.
„Dürfte ich einmal Ihre Fahrkarte sehen?“, frage ich ihn.
Ich muss mich beherrschen, um nicht zu lachen, als er eine winzige Umhängetasche aus Leder auf seinen Schoß hebt. Sie passt zu seinem hellblau karierten Hemd und dem gut gepflegten Vollbart, leider nicht zu seinem schwarzen Gürtel. Er muss etwas herumwühlen, bevor er mir ein einzelnes Ticket für diesen Zug überreicht. Ich bin etwas enttäuscht, dass er keine Dauerfahrkarte besitzt, sodass er keinen Ausweis zu zeigen braucht. Die meisten meiner Kollegen sehen über diese Regel hinweg. Ich nicht. Fahrscheine brauchen keine Züge. Und auch keine Kontrolleure. Doch die Menschen, die mich brauchen, sagen mir nicht, wer sie sind, also muss ich es selbst herausfinden. Ich erfahre denkbar wenig über sie – Name, Alter, Geburtsort, Haarfarbe –, aber es ist alles, was ich bekommen werde. Ich reiche dem Mann sein Ticket zurück, er steckt es in seine Tasche. Er könnte Michael heißen. Häufigster Name in seiner Demografie. Oben über den Sitzen befindet sich neben den Koffern eine schwarze Aktentasche, also ist er wahrscheinlich auf Geschäftsreise. Hin oder zurück? Ich glaube, es ist ihm egal. Er reist nicht besonders weit. Wie weit ein Mensch reist, hat nichts mit der Zahl der Kilometer zu tun oder mit der Zeit, die er im Zug verbringt. Ich habe Kinder gesehen, die die halbe Welt umrunden könnten, während wir an einer Signalstörung festsitzen. Michael war mal ein solches Kind gewesen, da bin ich mir sicher. Jetzt ist er irgendwo angekommen, aber ich will nicht mutmaßen, wo das sein könnte.
Eine Reihe weiter vorne befindet sich ein Vierertisch. Ein Mann und eine Frau sitzen in Fahrtrichtung, ein Junge und ein Mädchen sitzen gegenüber. Über dem Tisch stapelt sich das Reisegepäck. Die Familie ist eindeutig auf der Hinfahrt, darüber kann auch der vertraute Dialekt des Pärchens nicht hinwegtäuschen, der ein wenig wie die Mundart meiner Heimatstadt klingt. Kinder verhalten sich völlig anders, je nachdem, ob sie gerade in den Urlaub oder nach Hause fahren. Beide gucken sie zum Fenster hinaus, während Wälder, Wiesen und Felder vorbeifliegen. Angenehm ruhig sind sie. Das ist ungewöhnlich für die Hinfahrt. Auf dem Tisch liegen irgendeine Art von Spielzeug, eine aufgeschlagene Modezeitschrift, eine leere Essenstüte und ein Puzzle, dessen Teile allesamt richtig herum im Deckel des Kartons liegen. Die Erwachsenen achten auf keines dieser Dinge. Die Frau hat ihren Kopf gegen die Schulter des Mannes gelehnt und vergräbt ihre Nase in dessen Kaschmirpullover. Ihre Hand liegt unsicher auf seinem Handgelenk. Sie ist müde, ist es schon länger. Irgendetwas hat ihr zugesetzt, und wahrscheinlich waren es nicht die Kinder. Der Mann sieht mich an und zieht seine Hand weg, um in dem Rucksack am Tischbein nach den Tickets zu graben. Es sind Onlinetickets, ausgedruckt und sauber in Klarsichtfolie eingepackt. Patrick ist sein Vorname, der Nachname ist slawisch. Jule, die Frau, hat einen anderen Namen. Kein Ehering. Das Mädchen ist neugierig und starrt mich mit großen Augen an. Ihr großer Bruder wirft mir nur einen kurzen Blick zu. Er sagt nichts, blickt jedoch auf mein Namensschild. Offenbar kann er lesen, obwohl er noch nicht zur Schule gehen kann, denn es sind keine Ferien. Ein kluger Junge, und vielleicht ein wenig ordnungsverliebt – jedenfalls war es nicht Jule, die die Puzzleteile herumgedreht hat.
„Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub“, sage ich. Das sage ich sonst nie. Immerhin lächeln beide Erwachsenen, auch wenn sich keiner bedankt.
Zwei Reihen weiter sitzt ein Mann am Gang, der Platz neben ihm ist frei und wird von seinem schweren dunkelbraunen Wanderrucksack eingenommen. Er sieht aus, als würde er schlafen, doch unter der weißen Schirmmütze huschen zwei dunkelbraune Augen umher. Gelber Pullover, helle Jeans, die Trainingsjacke von Nike über den Rucksack drapiert. Die Gepäckablage über den Sitzen ist leer. Weit gereist, notiere ich im Kopf. Nie angekommen. Ich will ihn bereits ansprechen, unsicher, ob er meine Sprache spricht, da sehe ich neben seinem Handy mit gebrochenem Display eine Fahrkarte. Darauf liegt ein Personalausweis. Er hätte ihn nicht gebraucht, er hat nur ein Einzelticket vorgezeigt. Aber er wollte, dass ich ihn sehe. Rafiq heißt er, geboren in einem fernen Land. Falls er dieses Land schon damals verlassen hat, als der ganze Mist begann, muss er sehr jung gewesen sein, fast noch ein Kind. Ich weiß nicht, was ich mit dem Ausweis machen soll. Rafiq sieht mich erwartungsvoll an. Vielleicht hat er noch nicht lange unsere Staatsbürgerschaft. Vielleicht bin ich der erste Kontrolleur, dem er diesen Ausweis zeigt. Ist das Ticket gültig? Der Zug richtig? Ist der junge Mann auf diesem Bild, unter der blauen Flagge mit den goldenen Sternen, über seiner verschnörkelten, einstudierten Unterschrift in lateinischer Schrift, wirklich Rafiq? Es ist eine Prüfung. Nur dass er sie schon bestanden hat, als er in diesen Zug gestiegen ist. Ich lege Rafiqs Ausweis zurück auf das Ticket, so wie ich sie beide vorgefunden habe. „Danke“, sage ich.
Auf der anderen Seite des Gangs sitzt ein Junge am Fenster. Seine Wange ist gegen die Kopfstütze gepresst, die rechte Hand ruht auf seinem schwarzen T-Shirt, direkt über dem Herzen. Mit dem Ringfinger der linken Hand überspringt er das Lied, das gerade über seine weißen Kabelkopfhörer läuft. Den Linkin-Park-Song lässt er laufen. Ich versuche gar nicht erst, ihn anzusprechen, denn selbst ich kann den Bass noch hören. Ohnehin bemerkt er mich, dreht hastig seinen Kopf herum und wühlt in der Tasche unter seinem Sitz. Sie ist nicht geordnet, Sweatshirt, Kulturtasche und ein Stadtplan fallen zu Boden. Letzterer verrät mir, dass der Junge nach Hause fährt. Schließlich kommt ein Portemonnaie zum Vorschein. Er reicht mir Dauerfahrkarte und Ausweis. Jordan ist sein Name. Beim Anblick des Geburtsdatums zucke ich innerlich zusammen. An jüngeren Fahrgästen erkennt man, wie schnell die Zeit vergeht. Trotzdem … ich rechne schnell und komme zu dem Ergebnis, dass Jordan erst neunzehn Jahre alt ist. Er sieht mich an, ohne den Kopf zu bewegen, streicht sich eine dunkle, fettige Strähne aus dem Gesicht. Bilde ich mir das ein oder ist er ein wenig rot geworden? Habe ich ihn bei etwas ertappt? Das Ticket ist gültig, die Tasche ordnungsgemäß verstaut. Wenn irgendetwas Verbotenes geschehen ist, dann in seinem Kopf. Nicht, dass es mich tatsächlich interessiert hätte. Ich reiche ihm die Karte zurück.
Die Frau eine Reihe weiter hat mich schnell bemerkt. Sie klappt den Tisch nach oben, um darunter nach ihrer Handtasche zu suchen. Eine grün getönte Sonnenbrille rutscht aus ihren langen blonden Haaren. Mit einer flüssigen Bewegung nimmt sie die Brille ab, klappt sie zusammen und legt sie neben sich auf den Sitz. Noch während sie nach dem Portemonnaie wühlt, bringt sie einen Reisepass zum Vorschein. Sofort erkenne ich die Farbe und das abgebildete Wappen. Es ist das Wappen eines Landes, das sich im Krieg befindet. Eine bedrückende Vorahnung überkommt mich. Eigentlich will ich dieses Passfoto nicht sehen, nicht ihr Alter ausrechnen. Jeder, der diesen Pass trägt, sieht älter aus. Auf die schlechteste Art. Wegsehen kann ich trotzdem nie. Die Frau hat ihr Portemonnaie gefunden, zieht mit ihren dünnen Fingern am Reißverschluss. Ich greife nach dem Pass. Kateryna heißt sie, geboren in einer kleinen Stadt im Zentrum ihres Landes. Die echte Kateryna reicht mir beiläufig ihr Ticket und klappt den Tisch wieder aus. Unglücklich sieht sie nicht aus, keine grauen Strähnen, keine Sorgenfalten. Nur ein bleierner Ernst. Möglicherweise ist sie der erste Mensch, der mir begegnet, der auf dem Passfoto mehr zu lächeln scheint als im Zug. Sie setzt sich die Sonnenbrille wieder auf, obwohl die Sonne sich inzwischen hinter einer Wolke versteckt hat. Vielleicht, damit ich ihre Augen nicht sehe. Die Brille ist aber auch so hübsch, sie erinnert an Junitage und junge Weidenbäume. Auch in gewisser Weise ein Akt des Widerstands. Kateryna dreht sich zu mir und ich bemerke, dass ich noch immer den Pass in der Hand halte. Schnell reiche ich beides zurück. Aus der Innentasche ihrer Jeansjacke zieht sie ein Handy, ein älteres Modell, aber unversehrt. Während ich das Ticket des Mannes am Fenster entgegennehme, kann ich einen Blick auf das Hintergrundbild werfen. Zwei junge Männer in Militäruniform. Blaue Bänder um die Oberarme, Sturmgewehre in den Händen. Ein Bruder, Freund, Ehemann? Jedenfalls lebt er, hoffe ich zumindest. Andernfalls hätte sie ein friedlicheres Bild gewählt. Ich weiß nicht, wie weit Kateryna schon gereist ist oder noch reisen wird. Nur, dass sie dort, wohin sie fährt, nicht ankommen möchte.
Die beiden jungen Frauen eine Reihe weiter sind vorbereitet. Die Blondine am Gang reicht mir eine Dauerfahrkarte, ein Handy und einen Personalausweis. Der Ausweis ist erst unlängst ausgestellt worden, Charlotte sieht fast genauso aus wie auf dem Foto. Wahrscheinlich gehört das Handy ihr, jedenfalls ist sie auf dem Foto in der Handyhülle zu sehen, irgendwo im Urlaub in einem südlicheren Land. Eines dieser Fotos, bei denen ich mir stets die Frage stelle, wer es gemacht hat. Und ob das überhaupt relevant ist. Daneben stecken weitere kleine Fotos in der Hülle, eine Regenbogenflagge, Sticker und Notizzettel, die ich natürlich nicht lesen kann. Das Ticket ist gültig, ich reiche das Handy zurück. Charlotte legt es auf den Tisch vor ihr. Beide Tische sind ausgeklappt, auf Charlottes steht ein Laptop, so ausgerichtet, dass beide den Bildschirm sehen können. Darauf ist eine pausierte Netflixserie zu sehen. „Could I have your passport, please?“, frage ich ihre Freundin, denn sie hatten Englisch untereinander gesprochen, beide fast akzentfrei. Sie nickt, streicht sich die kurzen, dunklen Haare aus dem Gesicht und öffnet den Rucksack auf ihrem Ausklapptisch. Der Pass ist etwas älter. Anderes Land, derselbe Staatenbund. Sie heißt Anna. Ihre Haare sind auf dem Bild noch lang und sauber nach hinten gekämmt. Möglicherweise ist sie auf einem Auslandssemester. Möglicherweise wird sie danach nicht zurückkehren.
Der letzte Fahrgast im Abteil ist ein Mann mit Rollkragenpullover und weißer Cordhose. Auch nach Stunden der Zugfahrt sitzt seine Frisur noch perfekt. Auf dem Vierertisch vor ihm steht ein Laptop, er tippt etwas, blickt gelegentlich auf sein Handy, um durch Nachrichten oder E-Mails zu scrollen. Der Platz neben ihm ist frei, er hat dort ein Notizbuch abgelegt. Ich werfe einen kurzen Blick auf die Notizen. Slogans oder Textentwürfe stehen dort, zusammen mit Erinnerungen und Kommentaren. Er macht anscheinend Öffentlichkeitsarbeit, vielleicht Marketing. Oder er ist Journalist. Ich mag keine Journalisten, sie sind mir zu ähnlich. Sein Blick folgt meinem. Schnell nehme ich das ausgedruckte Onlineticket entgegen, das er mir bereits hingehalten hat. Zu spät. Er sieht mich an, überrascht, etwas belustigt, aber nicht verstimmt. Er heißt Lukas. Ich kann förmlich spüren, wie er überlegt, was er von mir halten soll. Ein Teil von ihm möchte mir unbedingt zeigen, woran er arbeitet. Wie oft kommt es vor, dass sich jemand dafür interessiert? Jemand, dem er nie wieder begegnen wird, der nicht über ihn urteilen wird, der nur das kennt, was Lukas von sich preisgeben möchte? Aber er erinnert sich an die Spielregeln. Schweigen, beobachten, weiterfahren, genau wie ich. Wahrscheinlich ist er tatsächlich Journalist.
Hinter ihm wartet die Tür auf mich, die mich aus dem Abteil führt. Ich muss sie manuell öffnen. Aber noch habe ich mich nicht umgedreht. Noch will ich nicht gehen. Ich schließe die Augen, öffne sie wieder, starre in das kühle Halogenlicht. Ein Schritt in die Richtung, aus der ich gekommen war. Ich wähle die andere Tür, am anderen Ende des Abteils. Es ist eine kurze Ehrenrunde, zehn, zwölf Sekunden der Erhabenheit, während links und rechts von mir die Welt zerfällt. Lukas zückt einen Kugelschreiber. Anna und Charlotte schauen Wednesday auf ihrem Notebook, die Köpfe aneinandergelehnt. Kateryna beißt in ein Käsesandwich. Jordan scrollt durch Instagram. Rafiq hat die Schuhe ausgezogen und den Tisch hochgeklappt. Jule hat ihre Augen geschlossen, Patrick seine Hand um ihre Schulter gelegt. Die Tochter begutachtet das Puzzle ihres Bruders. Michael hat das Buch beiseitegelegt und sieht aus dem Fenster. Natalie stochert noch immer in ihrer Bowl.
Vor mir steht die Tür, eine graue elektrische Schiebetür.
Gute Reise. Ich drücke auf den Knopf. Plötzlich höre ich ein Geräusch hinter mir, in dem Waggon, den ich verlassen möchte. Die Tür steht offen. Ohne nachzudenken, tue ich das, was ich nicht darf. Ich drehe mich um. Da ist Natalie, wieder vor mir. Sie sieht aber nicht mich an, sondern blickt nach rechts. Da ist Michael. Mit der linken Hand hebt er Natalies Wasserflasche vom Boden auf. Sie lächelt. Michael stellt die Flasche wieder auf den Ausklapptisch, von dem sie heruntergefallen war.
„Danke“, sagt Natalie. Michael lächelt freundlich zurück.
Ich wende mich ab. Das hätte ich nicht sehen dürfen. Ich hatte das Abteil verlassen, und nun ist das Bild zerrüttet, die vierte Wand gebrochen. Ich bin in einer Welt stehengeblieben, die nicht mehr existiert. Nicht für mich. Rückwärts stolpere ich durch die offen stehende Tür. Ein Blick fängt den meinen. Am anderen Ende des Abteils.
Lukas sieht mich, hat gesehen, was ich getan habe. Er nickt mir freundlich zu. Ich grüße zurück. Was hätte ich sonst tun können?
Vor mir schließt sich die Tür.