Carina Georg - Das zarte Glück
Carina Georg
Das zarte Glück
Manchmal scheint es, als sei das Glück weg. Als habe es leise, um nicht zu stören, seine sieben Sachen, seinen kleinen Rucksack gepackt und sei von dannen gezogen. Vielleicht um neue Weiten zu erkunden, vielleicht um neue Menschen zu erfreuen, vielleicht auch, um sich selbst noch einmal neu kennenzulernen. Wer weiß schon, warum das Glück auf Reisen geht?
Ich vermisse das Glück oft, wenn es auf seiner Reise ist. Es ist spontan, gerne flexibel und lässt sich gar nicht gerne darauf festlegen, wann es mich besuchen kommt. Von Zeit zu Zeit überkommen mich Zweifel, ob es nochmal zurückkommen wird. Zwischendurch ist da die Angst, dass es nicht zu mir zurückfinden könnte.
Manchmal, ganz manchmal schaut es dann vorbei.
Unerwartet.
Plötzlich.
Ohne, dass ich es planen kann.
Denn wenn ich versuche es zu planen, dann entschwindet es. Leise, aber ohne, dass ich es verhindern kann.
Wenn ich es nicht erwarte, dann ist es da. Als wenn es die Freiheit braucht, die Selbstbestimmtheit, dann zu kommen und dann zu gehen, wenn es ihm der richtige Zeitpunkt zu sein scheint.
Dann ist da ein schönes Gespräch, interessant, voller Aufmerksamkeit und wacher Neugierde. Bei dem sich die Anwesenden wohlfühlen und so einbringen können, wie es für sie passt.
Dann ist da die Stille. Das Schweigen. Allein, oder geteilt. Vielleicht mit einem anderen Lebewesen. Weil es sich gerade so passend anfühlt und Stille manchmal mehr ausdrücken kann als Worte.
Dann ist da eine Umarmung, vielleicht voller Trost, vielleicht, um Anteil an dem Freudentaumel eines Augenblicks zu haben.
Dann ist da die Freiheit. Die Freiheit, etwas zu tun, was man sich wünscht, und die Freiheit, zu etwas „Nein“ zu sagen, bei dem man sich nicht wohlfühlt. Die Freiheit, einen Weg weiterzugehen, den man begonnen hat, und die Freiheit, an einer Weggabelung abzubiegen, weil sich etwas anderes besser anfühlt, weil man es ausprobieren möchte.
Dann ist da Verständnis. Warum ich etwas so wahrnehme, wie ich das tue. Dass Irrtümer, Fehler und Irrwege in Ordnung sind, weil es ermöglicht zu lernen.
Dann sind da unendlich viele Wege, auf denen mir das Glück begegnen kann. Manchmal in der Stille einer Kirche, manchmal im Trubel auf einem Jahrmarkt. Ich muss es nur sehen. Es sehen können.
Manchmal überfällt mich das Glück regelrecht. Manchmal schleicht es auf leisen Pfaden hinter mir her. Manchmal bemerke ich seine Anwesenheit in einer Situation erst, nachdem sie schon vergangen ist. Manchmal versteckt es sich vor mir oder verkleidet sich. Dann muss ich mehrfach hinschauen, um es wahrzunehmen.
Glück kann vieles sein. Wir müssen nur lernen, es wahrzunehmen. Tagtäglich. Nicht von heute auf morgen. Es braucht Zeit. Aber dann kann das Glück bei uns ankommen.