Cornelia Eichner mit Rezension von 'Wenn selbst der Plastikbaum stirbt'

Wenn selbst der Plastikbaum stirbt
Gedichte von vierzehn Lyriker:innen, herausgegeben von Alfred Büngen, mit einem Geleitwort 
von Prof. Dr. Herbert Zucchi, Geest-Verlag 2026

Was geschieht mit einem Gedicht, wenn die Welt, über die es berichtet, aus den Fugen gerät? 
Und was geschieht mit unserer Wahrnehmung von Natur, wenn Wald, Regen, Eis, Tiere und Landschaft 
zunehmend nicht mehr selbstverständlich Erfahrbares, sondern bedrohte, medial vermittelte oder 
touristisch konsumierte Wirklichkeit sind? Die von Alfred Büngen herausgegebene Anthologie 
"Wenn selbst der Plastikbaum stirbt" stellt solche Fragen, ohne sie in ein einziges 
poetisches Programm zu zwingen. Vierzehn Lyriker:innen treten miteinander in einen 
vielstimmigen Dialog über Natur, Klimakrise, Verlust und menschliche Verantwortung. 
Gerade diese Verschiedenheit macht die Stärke des Bandes aus.

Schon der Titel, einem Gedicht von Anna Hackstedt entnommen, ist von eigentümlicher 
Doppelbödigkeit: Wenn sogar der Plastikbaum stirbt, ist die Grenze zwischen Natur und 
künstlichem Naturersatz endgültig porös geworden. Das scheinbar Unzerstörbare erweist 
sich als ebenso vergänglich wie das Lebendige. Die Anthologie bleibt jedoch nicht 
bei ökologischer Mahnung stehen. Ihre interessantesten Gedichte fragen vielmehr 
auch danach, wie sich unser Verhältnis zur Welt in der Sprache verändert.

Sigune Schnabel geht in ihrem Gedicht „Felsengebirgsschrecke“ auf eine besonders 
eindringliche Verbindung von Mensch, Tier und Landschaft ein. „Als ich ein Tier 
war“, heißt es, und wenig später „drang“ die Landschaft „in meine Glieder“. 
Natur ist hier keine Kulisse, sondern eine körperliche Erfahrung, die sich 
in den Menschen einschreibt. Am Ende wird Erinnerung selbst zur Wiederverkörperung: 
In den Mündern der Alten „wachsen noch einmal Farben“ auf die Glieder 
des lyrischen Ichs. Vergangenheit, Sprache, Tier und Landschaft bleiben 
ineinander verschränkt. Das Gedicht sucht keine eindeutige Grenze zwischen 
Mensch und Natur – und gerade darin liegt seine poetische Kraft.

Ganz anders klingt Philipp Létrangers „weit ab“. Hier ist die Natur 
nicht körperlich gegenwärtig, sondern bedroht und zugleich kaum noch
 wahrnehmbar: „du hörst nichts / wenn das eis die pole freigibt“. 
Die ökologische Katastrophe wird zur Krise der Wahrnehmung und schließlich
 zur Krise der Sprache. „metaphern lügen und täuschen“, heißt es, 
„worte welken / bevor du verstehst“. Bemerkenswert ist, dass das Gedicht 
trotz dieses Misstrauens gegenüber der Sprache nicht verstummt. 
Am Ende wird weiterhin „sehnsucht / in den schnee“ gesprochen. 
Gerade das Paradox – der Zweifel an der Sprache und die gleichzeitige 
Notwendigkeit des Sprechens – verleiht dem Text seine Spannung.

Artur Nickels „sammle“ schlägt einen beinahe gegenläufigen Ton an. 
In einer Folge knapper Imperative heißt es: „sammle / den morgen / tau / 
kämme / das gras“. Das „Kämmen“ des Grases ist eine kleine poetische Verfremdung: 
Natur wird körperlich und beinahe intim. Danach werden „wild / blumen“ gesät, 
„rot blau / und weiß“, und schließlich „unsere Hoffnung / auf bald“. 
Hoffnung bleibt hier nicht abstrakt. Sie wird zu einer Tätigkeit, zu etwas, 
das man säen kann. Das Gedicht findet seine Antwort auf die ökologische 
Krise nicht in großen Erklärungen, sondern in einer kleinen, beharrlichen Handlung.

Besonders gegenwärtig wirkt Eda Muslubas’ „Was klingt“. Das Gedicht führt mitten
in eine Welt, in der Natur bereits zum digitalen Klangarchiv geworden ist. 
Das lyrische Ich hört Regen – „Zumindest klingt es so“ – und erkennt:
 „Ein Wald, den ich nur höre, / weil jemand ihn auf Spotify hochgeladen hat.“ 
Der Wald wird zum Streamingprodukt, Natur zur akustischen Simulation. Was fehlt, s
ind Geruch, Wind, Feuchtigkeit, die „Kühle, die die Haut wach macht“. 
Wenn schließlich auf „Stop“ gedrückt wird, „verstummt“ das Prasseln und 
„der Wald verschwindet“. Es ist ein stiller, sehr gegenwärtiger Text 
über Naturentfremdung und die zunehmende Schwierigkeit, zwischen Erfahrung 
und ihrer medialen Reproduktion zu unterscheiden.

Thomas Bartsch wiederum verbindet ökologische Katastrophe mit der Sprache 
des Tourismus. In „Vor dem Abflug“ steht zunächst die „Trauminsel“, 
die unmittelbar darauf „In Flammen“ steht - wir alle kennen inzwischen 
derartige Bilder aus den Medien. „Schwarzer Rauch“ steigt über dem Wald 
auf, Hotels werden evakuiert. Doch die Katastrophe erscheint anschließend 
in der nüchternen Sprache der Reisebuchung: „Kostenfrei – / ‚Wegen höherer Gewalt‘ 
/ Heißt es“. Gerade diese lakonische Pointe ist bitter. Die brennende Landschaft 
wird in die Geschäftsbedingungen des Tourismus übersetzt. Was für Menschen und 
Natur eine Katastrophe ist, wird im System der Buchung zu einem kostenfreien 
Stornierungsgrund.

Solche unterschiedlichen poetischen Verfahren sind es, die den Band lesenswert machen. 
Hier wird nicht einfach immer wieder dasselbe Gedicht über Klimawandel geschrieben. 
Die Texte verändern die Perspektive: Natur wird Körper, Erinnerung, bedrohte 
Landschaft, digitale Simulation, touristisches Sehnsuchtsbild, sprachliche Krise 
oder Gegenstand einer kleinen Handlung. Mal wird sie unmittelbar erfahren, mal 
fehlt sie gerade dort, wo wir sie zu hören oder zu sehen glauben.

Dabei ist bemerkenswert, dass die Anthologie trotz ihres bedrängenden Themas 
nicht in einem einzigen Ton verharrt. Zwischen Klage, Ironie, Sprachskepsis, 
Verfremdung, Erinnerung und Hoffnung entsteht ein tatsächlicher poetischer 
Dialog. Gerade die Gegenüberstellung unterschiedlicher Generationen, 
Schreibweisen und ästhetischer Haltungen verhindert, dass „ökologische Lyrik“ 
zu einer bloßen moralischen Kategorie wird. Die Gedichte dürfen widersprüchlich 
sein, zweifeln, übertreiben, sich zurücknehmen, Bilder setzen oder 
Sprache misstrauisch befragen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Qualität dieser Anthologie: 
Sie fordert nicht nur dazu auf, über die bedrohte Natur nachzudenken, 
sondern darüber, wie wir Natur überhaupt noch wahrnehmen und zur Sprache 
bringen können: Zwischen „wachsenden“ Farben, „welkenden“ Worten, 
gesätem Hoffen und einem Wald, der sich per Knopfdruck abschalten lässt, 
entsteht ein vielstimmiges Bild unserer Gegenwart.

"Wenn selbst der Plastikbaum stirbt" ist also weit mehr als eine Sammlung 
ökologisch engagierter Gedichte. Der Band dokumentiert eine poetische Suchbewegung: 
Wie kann Lyrik von einer Welt sprechen, deren vertraute Ordnungen brüchig werden? 
Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Autor:innen selbst. Und gerade darin 
liegt die Überzeugungskraft dieses Buches: Es gibt keine einzige Sprache für die Krise – 
aber es gibt viele Möglichkeiten, ihr poetisch entgegenzutreten. 
Und dieses poetische Wirken kann durchaus ein Gesprächsangebot sein.