Gottfried Meinhold - Krieg als Urquell des Entsetzens
Krieg als Urquell des Entsetzens
Er wurde von der Faszination des Grauens gezwungen, täglich, von früh bis abends an die Entsetzlichkeit des Krieges als die äußerste Form der Verbindung von Lebensherrschaft und Lebensverweigerung zu denken. Krieg war, dessen wurde er täglich von Neuem gewahr, Eldorado der Vernichtung und des menschlichen Vernichtungswillens in seiner ganzen Unbändigkeit, ein Spielfeld der Überbietung, der Maßlosigkeit, der Unmäßigkeit des Entsetzlichen. Krieg sei – in Verbindung mit moderner Waffentechnik – nicht nur ein Versuchsfeld dafür, wie weit Entsetzlichkeit zu steigern ist oder ob es vielleicht eine Grenze für das Entsetzliche als ein zum Wuchern bereites Phänomen gibt. Obenan steht doch gewiss die Abschlachtung von Soldaten, zusammen mit der Vernichtung des Kriegsgerätes, das zu bedienen sie mühsam erlernt haben und zu dem sie zu gehören scheinen. Die Eskalation des Entsetzlichen hat, weil unfassbar, doch unentrinnbar, den Zweck, die Fassungslosigkeit in den Köpfen zu etablieren, das Fassungsvermögen des Bewusstseins in Frage zu stellen und zugleich den stoischen Gleichmut zu erlangen, der nötig ist, um auf alles gefasst zu sein oder den Sieg über die eigene Fassungslosigkeit als wichtigstes Vermögen jeglicher Überlebensstrategie anzuerkennen.
aus seinem in Kürze erscheinendem Band: Lachverbot und Heiterkeitspflicht