Gottfried Meinold - Übermensch
ÜBERMENSCH
Wusste Nietzsche, als er vom Übermenschen sprach, von Schillers Vorstellung des durch die „totale Revolution in seiner ganzen Emp-findungsweise“ verwandelten Menschen, „ohne welche er auch nicht einmal auf dem Wege zum Ideal sich befinden würde“? Dass es die Vorstellung vom Übermenschen lange vor Nietzsche schon gab – nämlich als Hyperánthropos wie bei Dionysios von Halikarnassos, übrigens bezogen auf die grenzenlose Schönheit einer Frau.
Als Übermenschen muss sich Faust vom Erdgeist schelten lassen, weil er sich mit dessen erflehter Anwesenheit das „Grauen“ einhan-delt: „Welch ein erbärmlich Grauen fasst dich, Übermenschen an?“ Das Übermenschliche, das selbst dem Vermessenen über die Kräfte geht, weil der Übermensch als Mensch der Anmaßung, der Vermessene, in seiner Vermessenheit außerstande ist, die Grenzen des ihm Zuträglichen zu erkennen oder gar zu berücksichtigen. Worauf Nietzsche nicht kam: dass die Übermenschenidee nur eine männliche Ausgeburt sein kann, maskuliner Mentalität entsprungen, nämlich ihrem megalomanen Moment, einer toxischen Megalomanie, dem verderblichen Größenwahn, der spätestens seit den Megalithikern mit ihren despotisch organisierten Arbeitsarmeen zur Bewegung der Riesenblöcke für Stelen, Obelisken, Py-ramiden die Werkenden in militärischer Formation mit härtesten Befehlen zur äußersten Anspannung oder gar in den Erschöp-fungstod trieb. Weibliche Gegenwehr hätte angesichts derartig evidenter Wahnhaftigkeit – bei der Verpflichtung weiblicher Wesensart zur liebevoll-sorgsamen, einfühlsamen Pflege und verlässlichsten Zuwendung zum behüteten Kind auch nicht die geringste Aussicht auf Erfolg gehabt. Der Übermensch als Herrscher, der Unterwerfende, der Befehlshaber, Feldherr, Krieg-Führer, Sieger vor allem, mit dem obersten Ziel, die untergebenen oder besiegten Menschen als Unterworfene zu behandeln, was nichts anderes heißt, als Unterjochung zum Existenzprinzip zu erheben.
aus seinem in Kürze erscheineden Band: Lachverbot