Hevin Osso - Als ich lernte, in meiner Sprache zu weinen
Als ich lernte, in meiner Sprache zu weinen
Zwischen der Lehrerin und den anderen Kindern schwebten kleine Seifenblasen durch den Raum.
Sie platzten über den Köpfen, und jedes Mal verstand jemand etwas.
Bei mir kamen keine Blasen an.
Bei mir fielen Steine.
Die Lehrerin sprach.
Ein Stein. Noch einer. Noch einer.
Die anderen Kinder lachten, antworteten, hoben die Hände.
Ich hörte alles: die Stühle, die Schritte, das Lachen.
Nur das, was zwischen ihnen geschah, verstand ich nicht.
Ich begann zu glauben, dass mit mir etwas nicht stimmte.
Vielleicht mit meinen Ohren.
Vielleicht mit meinem Mund.
Vielleicht mit mir.
Am Ende des Tages war ich selbst fast zu Stein geworden.
Nach meinem ersten Schultag kam ich nach Hause.
Ich sah meine Mutter, rannte zu ihr und begann zu weinen.
Und plötzlich verstand sie mich, ohne dass ich etwas erklären musste.
Da merkte ich etwas Seltsames:
Ich konnte weinen, wie ich sprach.
Auf Kurdisch.
In meiner Muttersprache.
Und zum ersten Mal an diesem Tag war ich glücklich.
In der Schule hieß es immer:
„Nur Arabisch.“
Aber meine Lehrerin wusste nicht, dass auch Tränen eine Sprache haben.
Von da an weinte ich jedes Mal, wenn ich in meiner Sprache sprechen wollte.
Mit jedem Wort, das nicht aus meinem Mund durfte, kam eine Träne.
Ich weinte, bis die Beine meines Stuhls im Wasser standen, bis die Steine zu schwimmen begannen und die Seifenblasen sich darin spiegelten.
Dann stiegen meine Tränen bis zur Tafel, zur Tür, hinaus auf den Flur.
Ich weinte, bis die ganze Schule darin versank.
Und irgendwo unter all diesem Wasser sprach ich weiter.
Auf Kurdisch.