Holger Küls mit Rezension von Thomas Bartsch, Erdrutsch der Zeit, Lyrik, Geest-Verlag 202

Thomas Bartsch, Erdrutsch der Zeit, Lyrik, Geest-Verlag 2026, ISBN 978-3-69064-568-3, 14.00 €

Erdrutsch der Zeit – leise und eindringlich

Mit Erdrutsch der Zeit legt Thomas Bartsch seinen vierten Lyrikband im Geest-Verlag vor. Es ist ein Buch, das ruhig beginnt und lange nachwirkt. Schon der Titel nennt das zentrale Thema: das Vergehen der Zeit, das stille Wegbrechen von Vertrautem. Darum kreisen die Gedichte, ohne viele Worte zu machen.

Bartsch schreibt in freien Versen, knapp und ganz ohne Satzzeichen. Das wirkt zunächst ungewohnt, erweist sich aber schnell als Stärke. Die Zeilen bekommen dadurch mehr Kraft und mehr Offenheit. Man muss als Leser selbst innehalten und selbst deuten – und ist so stärker beteiligt. Der Verzicht auf Satzzeichen ist keine Spielerei, sondern passt zum Ton des ganzen Bandes: ruhig, zurückhaltend, auf das Wesentliche gerichtet.

Inhaltlich greift Bartsch Erfahrungen auf, die viele kennen: Abschied und Verlust, Neuanfang und Beziehung, Nähe und Distanz, innere Unsicherheit. Das sind große Themen, doch der Dichter nähert sich ihnen nie belehrend. Oft beginnt er bei etwas Alltäglichem und führt es behutsam zu den größeren Fragen. Gerade diese Verbindung macht die Texte so eindringlich. Man liest eine kleine Szene und steht plötzlich vor etwas Grundsätzlichem.

Auffällig ist, mit wie wenig Bartsch auskommt. Er arbeitet mit wenigen, aber treffenden Bildern, die mehr andeuten als ausmalen. So entsteht Raum für eigene Erinnerungen und eigene Gedanken. Die Sprache ist einfach, aber nie leer; nachdenklich, aber nicht schwer. Wo andere Gedichte ihre Bilder häufen, vertraut Bartsch auf das Weglassen und auf die Kraft des Ungesagten.

Dazu kommt eine angenehme Vielfalt. Neben den nachdenklichen, eher melancholischen Texten gibt es zarte, intime Momente und auch ironische, kritische Töne. Dadurch bleibt der Band durchgehend lebendig und erstarrt nicht in einer einzigen Stimmung. Spürbar ist überall eine Achtsamkeit – gegenüber der Sprache und gegenüber der Welt.

Insgesamt ist Erdrutsch der Zeit ein stimmiger und reifer Band. Er verbindet den Alltag mit großen Fragen, Einfachheit mit Bildkraft, Gefühl mit klarer Form. Das Ergebnis ist Lyrik, die ohne Pathos auskommt und gerade deshalb berührt. Es ist ein Buch, das man nicht in einem Zug durchliest, sondern langsam – und gern mehrmals zur Hand nimmt.

Holger Küls

Verden, 07.06.2026