Holger Ziefus (Vechta) mit begeisterter Besprechung des Buches 'Wenn selbst der Platikbaum stirbt'

Rezension:


Ein fast schwarzes Buch. Darauf der Titel in weißer Schrift vor grellgrünen Lichtkanten – wie
eine Neonreklame in der Nacht. Der Titel „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“ wirkt auf den
ersten Blick überraschend, beinahe provokant. Er erinnert an einen Satz, der ebenso gut aus
einem Internet-Meme oder einem TikTok-Video stammen könnte. Seine Wirkung ist
unmittelbar.
Im Geleitwort zu dieser Anthologie werden die unfassbare Schönheit und nahezu unendliche
Vielfalt der Natur in ihren unterschiedlichsten Erscheinungsformen hervorgehoben. Verfasst
wurde es von Professor Dr. Herbert Zucchi, der als Biologe, Naturwissenschaftler und
Fachpublizist über Jahrzehnte hinweg die Natur erforscht, beschrieben und vermittelt hat.
Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit ist die Lyrik eine Konstante in seinem Leben.
Das Konzept des Buches macht neugierig. Sieben erfahrene Lyriker*innen haben sich jeweils
eine Nachwuchsautorin an die Seite geholt. So treffen sich vierzehn, hinsichtlich ihres Alters
und ihrer Biografien sehr unterschiedliche Textschaffende, in einer gemeinsamen poetischen
Begegnung. Entstanden ist ein bemerkenswertes Gemeinschaftswerk: Über einhundert kurze
und längere Gedichte, gegliedert in sieben Kapitel, bringen unterschiedliche Perspektiven
zusammen, die nachklingen.
Thematisch kreist der Band vor allem um das Verhältnis von Menschen, Natur und Umwelt.
Bereits der eindringliche Titel verweist auf die Fragilität unserer Gegenwart und auf die Frage,
wie wir mit einer Welt umgehen, die sich sichtbar verändert. Die Autor*innen setzen sich mit
Landschaften, Klimawandel, Vergänglichkeit und den Herausforderungen unserer Zeit
auseinander. Zugleich fragen sie danach, wie diese Entwicklungen das eigene Leben, das
persönliche Empfinden und die individuelle Wahrnehmung prägen.
Bei dem Gedichtband handelt es sich nicht um eine bloße Sammlung einzelner Texte.
Vielmehr entsteht ein fortlaufender Dialog zwischen den Generationen, zwischen Erfahrung und
Aufbruch, zwischen den verschiedenen Blickwinkeln auf die Welt. Die Gedichte ergänzen sich,
widersprechen sich oder scheinen einander zu antworten. Sigune Schnabel bringt diese
Grundstimmung in ihrem Gedicht „Fremd scheint mir der Erdball“ auf den Punkt: „Wir
bewohnen die Welt, doch wir sehen ihr nicht ins Gesicht.“
Beim Lesen von Lyrik fließen unweigerlich die eigenen Erfahrungen und das augenblickliche
Empfinden mit ein. So kann ein Gedicht beim ersten Lesen noch wie ein Widerspruch
erscheinen und nach längerem Nachdenken plötzlich zu einer wunderbaren Ergänzung werden.
Gerade dadurch eröffnet der Band immer neue Denk- und Wahrnehmungsräume. Besonders
eindrucksvoll wird dies in Eda Muslubaş Gedicht „Was klingt“. Dort heißt es: „Ich lausche dem
Regen. Zumindest klingt es so. Ein Wald, den ich nur höre, weil jemand ihn auf Spotify
hochgeladen hat.“ Mit wenigen Worten beschreibt sie eine Welt, in der Natur zunehmend nur
noch vermittelt erlebt wird – digital, künstlich und auf Distanz.
Ein echtes Highlight ist in dem Zusammenhang der Dialogcharakter der Texte. Wenn Amanda
Wurm unter der Überschrift „Eigentlich“ schreibt: „kenne ich den Sommer nicht mehr, wie er
früher war, als Sommerregen und Eisschmelze noch Frische und Frühling bedeuteten“,
antwortet Holger Küls mit bitterer Ironie in der letzten Zeile seines Gedichtes: „Eigentlich – nach
mir die Sintflut.“
Gerade in solchen Gegenüberstellungen entfaltet das Konzept des Bandes seine Stärke. Die
Gedichte kommentieren einander, erweitern Sichtweise und laden die Lesenden dazu ein,
selbst Stellung zu beziehen.
So entsteht ein vielstimmiges Werk, das ökologische Fragen nicht abstrakt verhandelt, sondern
sie mit persönlichen Erfahrungen in poetischen Bildern verbindet. Diese Verbindung macht den
Band zu einer außergewöhnlichen und lesenswerten Veröffentlichung.
Im Nachwort erläutert Herausgeber Alfred Büngen das Konzept des Projekts und gibt zugleich
Einblicke in seine Entstehungsgeschichte. Dabei beschreibt er eine Gruppe von Lyriker*innen,
die sich nicht nur zum literarischen Austausch zusammengeschlossen hat, sondern sich auch
die Förderung des literarischen Nachwuchses zum Ziel gesetzt hat.
Alfred Büngen: „Die Texte sprechen in ihrer jeweiligen individuellen Aussage und Ansprache für
sich – und Leser*innen finden genügend inhaltliche und sprachliche Anreize, sich ein eigenes
Urteil zu den Texten und den darin ausgeprägten Positionen zu bilden.“
Im Anhang werden alle Beteiligten kurz vorgestellt. So entsteht ein großes Ganzes – eine
Anthologie der Gegenwart, die das Potenzial besitzt, zu einer poetischen Chronik unseres
heutigen Lebensgefühls zu werden.
Das Buch hat mich von der ersten Seite an abgeholt – unerwartet, polyphon und von
bemerkenswerter Einprägsamkeit. Mit anderen Worten: speichern, teilen, weiterschicken und
abfeiern.
Holger Ziefus im Juni 2026