Jutta Berkenfeld - Was ist denn erlaubt?
Jutta Berkenfeld
Was ist denn erlaubt?
Diesen Nachmittag kann ich nicht vergessen.
Es kam selten vor, dass ich Hilde außerhalb der Sporthalle traf. Wir waren seit mehreren Jahren im gleichen Turnverein und hatten uns etwas angefreundet. Da wir in unterschiedliche Schulen gingen und in verschiedenen Stadtteilen wohnten, trafen wir uns nie zufällig.
An diesem Nachmittag hatte es geregnet und als Hilde vor unserer Haustüre stand, trieften ihre Haare vor Nässe und Tropfen liefen ihr über das Gesicht, sodass ich nicht erkannte, dass es Tränen waren. Ich nahm sie mit auf mein Zimmer und wir setzten uns auf mein Bett. Erst jetzt bemerkte ich, dass Hilde weinte.
„Es tut so weh!“
„Was tut so weh?“, fragte ich.
„Das da unten.“
Das da unten? Was meinte sie?
„Hast du deine Tage?“ Wir waren vierzehn Jahre alt und das schien mir das Naheliegendste, was mit Schmerzen da unten gemeint sein könnte.
„Nein“, sagte sie.
„Aber was ist passiert?“
„Ich war beim Arzt“, sagte Hilde. „Du weißt schon, wegen der Untersuchung für die Ferienfreizeit.“
Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Wir hatten uns beide für die Ferienfreizeit des Sportvereins nach Breckerfeld angemeldet und dafür brauchten wir ein Attest eines Arztes. Ich meinte, gelesen zu haben, dass auf dem Formular, das uns der Sportverein mitgegeben hatte, stand, dass ein Arzt uns bescheinigen sollte, dass wir frei von ansteckenden Krankheiten seien. Zwei Wochen zuvor war ich bei unserem Hausarzt gewesen. Dr. P. war ein freundlicher, etwas übergewichtiger Herr. Es war der Bruder unseres Nachbarn. Er praktizierte in der Innenstadt und unsere Familie ging schon ewig zu ihm. Er hatte mir in den Hals und in die Ohren geschaut, Brust und Rücken abgehört, sich den Impfpass angesehen und mir anschließend das Attest überreicht. Zum Abschied hatte er mir noch viel Spaß gewünscht, auf seinen Bauch gezeigt und gesagt: „Ich müsste auch mal wieder Sport treiben.“
Hilde war aber bei Dr. H. gelandet, der die Vertretung für ihren Hausarzt übernommen hatte und dessen Praxis sich in der Nähe unseres Wohnhauses befand. Das war vermutlich der Grund, weshalb Hilde damals in ihrer Verzweiflung zu mir kam. Ich kannte Dr. H. nicht.
Hilde setzte sich nun so auf mein Bett, dass sie neben mir saß und mich nicht anschauen musste. Dann begann sie unter Schluchzen von der Untersuchung zu erzählen. Sie unterbrach ihren Bericht ständig, warf manchmal nur abgehackte Sätze in den Raum. Einiges musste ich mir selbst zusammenreimen, denn ich wollte sie auch nicht unterbrechen.
Es muss wohl so gelaufen sein: Dr. H. empfing Hilde allein in seinem Untersuchungszimmer. Er bat sie, den Oberkörper freizumachen, um sie abzuhören. Dabei, so Hilde, habe er ihr häufig mit der Hand an die Brust gefasst, als gehöre das zur Untersuchung dazu. Dann musste sie ihre Hose ausziehen und sich auf eine Liege legen, nur noch bekleidet mit ihrem Unterhöschen. Zuerst hat Dr. H. ein wenig auf ihrem Bauch herumgedrückt. Dann hat er ihre Füße aufgestellt und ihre Unterhose heruntergezogen, ohne sein Tun zu erklären. Mit beiden Händen hatte er ihr die Kniee auseinandergedrückt, um dann mit einem Finger tief in ihre Scheide zu bohren. Es war so schmerzhaft, dass Hilde sich nicht mehr daran erinnern konnte, wie lange dieses Prozedere gedauert hatte und wann sie sich wieder anziehen durfte. Vielleicht nur einige Sekunden, meinte sie, aber es kam ihr wie eine Ewigkeit vor.
Ich war so geschockt von ihrer Erzählung, dass ich selbst „Iiih“ in den Raum schrie. Mir lief ein kalter Schauer den Rücken herunter und Hilde begann wieder heftiger zu schluchzen.
„Du musst das deiner Mutter erzählen“, sagte ich, aber Hilde schüttelte sofort den Kopf.
„Niemals, ich schäme mich so“. Und dann ging ihr Schluchzen in ein leises Wimmern über.
„Es tut so weh!“
Wir kuschelten uns aneinander.
Damals verstand ich noch nicht, dass die körperlichen Schmerzen wahrscheinlich nicht lange anhalten würden, die seelischen aber schon. Und ich dachte an meine Mutter, für die Ärzte Heilige waren, ähnlich wie Pfarrer oder Lehrer oder Polizisten. Menschen, die nie etwas Falsches machen würden und über die man sich niemals beschweren durfte. Ich hätte meiner Mutter wahrscheinlich auch nicht von so einem Erlebnis erzählt. Es musste wohl seine Richtigkeit haben, was Dr. H. getan hatte, aber wirklich glauben und verstehen konnte ich es nicht.
Irgendwann hob Hilde den Kopf und sah mich an: „Schwöre mir, dass du niemandem davon erzählst!“ Und ich hob meine Hand und sagte: „Ich schwöre!“
Wir haben nie mehr über den Vorfall gesprochen, obwohl ich noch lange darüber nachdenken musste. Die Freizeit war ein tolles Erlebnis. Ein schöner Abschluss unserer Zeit im Turnverein, denn kurz danach hörte ich mit dem Turnen auf und begann, Volleyball zu spielen. Hilde und ich verloren uns aus den Augen.
Liebe Hilde, bisher habe ich mich an meinen Schwur gehalten, aber heute breche ich mein Versprechen. Dieser Arzt war in jedem Fall übergriffig und brutal. Ich muss davon erzählen. Falls du jemals diesen Text lesen solltest, weißt du, die in Wirklichkeit nicht Hilde heißt, dass ich deine Geschichte erzählt habe im Namen aller Frauen, denen in Arztpraxen Gewalt angetan wurde.