Kathrin Reimer, What‘s up Mister Mühsam

Kathrin Reimer, Leipzig

What‘s up Mister Mühsam,

 

 

in der Schule haben wir Ihren „Appell an den Geist“ gelesen und gelernt, dass Sie im Prinzip der „Master of Empören“ sind. Coole Sache. Aber ich hätte da mal ein paar Fragen, denn dieses „Empören“ beschäftigt mich in letzter Zeit ultra. Als Sie gelebt haben, gab es noch keine Social Media. Ich glaube, Insta, TikTok & Co. hätten Ihnen gefallen. Da hätten Sie nämlich mal so richtig vom Leder ziehen – oder wie man heute sagt – „abhaten“ können. Ernsthaft! Die Sache hat nur ein Problem: Jeder empört sich da. JEDER. Über alles. Querdenker empören sich über Corona-Maßnahmen. Klatsch-Suchtlinge über das Liebescomeback von Jennifer Lopez und Ben Affleck. Klassenkameradinnen über meine neuen Hot-Pants und meine offenbar nicht perfekten Beine. Es ist manchmal anstrengend, dieses Empören. Denn häufig kommt dabei Bullshit heraus. Verstehen Sie mich nicht falsch! Mir ist klar, dass es wichtig ist, zu kritisieren. Ich bin mir sogar ganz sicher, dass wir nicht da wären, wo wir heute sind, wenn keiner andere kritisiert hätte. Aber irgendwie scheint es mir entscheidend zu sein, WER kritisiert. Oder noch wichtiger: Aus welchem Grund er kritisiert.

 

Ich habe festgestellt, dass ich gerne eine gute Empörerin sein möchte. Eine, die mit ihrer kritischen Art Gutes bewirkt und sich für andere einsetzt. Eine, die etwas verändert und bewirkt. Aber wie ist so eine gute Empörerin drauf? Mit welchen Themen beschäftigt sie sich? Und was hilft ihr dabei, nicht von ihrem guten Weg abzukommen? Ich glaube, dass auch schlechte Empörerinnen und Empörer denken, sie seien gut. Kein Hardcore-Querdenker würde von seiner Meinung abrücken und zugeben, dass tatsächlich vieles scheiße war, es aber oft einfach keine andere Möglichkeit gab. Er würde immer behaupten, er sei im Recht. Dabei sagen mein Verstand und mein Mitgefühl für Menschen, die ihre Lieben an diese f***ing Krankheit verloren haben, ganz deutlich, dass sie oder er nicht im Recht ist. Das Schlimme: Ich habe mich beobachtet und auch ich empöre mich manchmal lautstark, obwohl ich genau weiß, dass meine Gründe dafür nicht gut sind. Ich habe diese Gründe genau analysiert! Und es sind immer dieselben: Hass, Neid, Angst, Unzufriedenheit. Dass daraus nichts Gutes entstehen kann, ist mir schon klar. Aber manchmal kann ich nichts dagegen tun. Nicht so nice.

 

Ich weiß, dass TV- und Streamingverbote gerechtfertigt sind, wenn ich meinen kleinen Bruder gehauen habe – diesen Nervsack. Aber das hält mich nicht davon ab, mich darüber aufzuregen. Die Tatsache, dass ich den Dating-Show-Abend mit meinen Mädels verpasse, macht mich so unglücklich, dass mein Empör-Kompass schlichtweg versagt. Und ich scheine da kein Einzelfall zu sein. Von Disney gibt es eine neue Buch- und Film-Reihe. Kennen Sie Walt Disney? Wahrscheinlich nicht. Als er in den 30ern bekannt wurde, hatten Sie ganz andere Probleme, wie ich gelesen habe. Jedenfalls konnte der Mann super Geschichten erzählen. Aber zurück zum Thema: Diese neue Reihe heißt „Disney-Villains“. Sie lässt uns nachempfinden, warum die Bösewichte bestimmter Geschichten böse geworden sind. Warum wollte Cruella de Vil 101 Dalmatiner umbringen und zu Pelz verarbeiten? Schlechte Kindheit. Warum hat Ursula die singende Meerjungfrau Arielle verflucht? Einsamkeit. Verlust. Die Reihe lässt uns Mitgefühl für die vom Schicksal gebeutelten Fieslinge empfinden. Lässt uns verstehen, warum sie schlechte Dinge tun. Interessant, oder? Was meinen Sie, kann ich das auch auf mich übertragen? Wenn ich mir Verständnis entgegenbringe dafür, dass ich meinen kleinen Bruder gehauen habe, macht es die Tat an sich dann besser? Wenn ich Querdenkern mit Verständnis entgegentrete, hilft das den Leuten, die am Beatmungsgerät hängen und langsam dahinsiechen? Hm. Mit diesem Gedanken habe ich echt so meine Probleme. Aber ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu folgendem Schluss gekommen: Verständnis ist sicher gut, wenn ich fest daran glaube, dass derjenige, dem ich das Verständnis entgegenbringe, sich ändern kann.

 

In einer meiner Lieblings-Streaming-Serien geht es um zwei konkurrierende Karate-Senseis. Der eine ist offenbar „gut“, der andere anscheinend „böse“. Und dann stelle ich auf einmal fest, dass man das so gar nicht sagen kann! Der „Böse“ kämpft gegen seine schlechten Gedanken an. Er versucht „gut“ zu sein. Und mit ein bisschen Hilfe von außen schafft er es am Ende sogar. Dann taucht ein neuer Bösewicht auf. Hat auch er das Zeug dazu, gut zu werden? Und kann eigentlich jeder Bösewicht gut werden? Da wären wir wohl wieder beim Thema: Kann jeder lernen, sich über die „richtigen“ Dinge zu empören? Kann ich lernen, mich über die „richtigen“ Dinge zu empören? Kann ich andere Leute davon abbringen, sich über die „falschen“ Dinge zu empören? Fest steht: The struggle is real! Es ist kein leichter Weg. Aber ich will ihn gehen. Ich glaube, dass es sogar sehr wichtig ist, ihn zu gehen. Ich will herausfinden, ob Taylor Swift mit ihrem Song „Shake It Off“ und der Zeile „Haters gonna hate“ recht behält. Und ich will für die Rechte von Frauen, für Gleichheit und für den Umweltschutz einstehen. Ich kann nur hoffen, dass mir dabei der Kompass nicht aus der Hand fällt. Aber vielleicht ist es ein guter Anfang zu versuchen, mich aus den „richtigen“ Gründen zu empören. Nicht Hass, Neid, Angst und Unzufriedenheit sprechen zu lassen, sondern Liebe, Mitgefühl, Mut und Hoffnung – das Herz. Oder? Was halten Sie davon?

 

So. Das waren ganz schön viele Fragen, aber auch gar nicht mal so schlechte Antwortversuche. Glaube ich. Hat dieser Weirdo-Brief mir doch etwas gebracht. Und zum Abschluss frage ich mich dann noch, ob Sie das Ganze jemals lesen werden. Womöglich in ein paar Hundert Jahren, wenn man Sie aus Ihren Überresten rekonstruiert hat. Vielleicht bin ich dann auch noch da und würde mich freuen, wenn wir mal eine Pumpkin-Spice-Soja-Latte trinken gehen – oder was es dann so gibt – und ein bisschen quatschen. Bis dahin arbeite ich weiter an meinem Empör-Kompass. Versprochen.

 

Ihr Fan

Ciara