literaturkritik mit Rezension von Florian Brinmeyer über den Band von Philipp L´tranger und Sigune Schnabel: wie buchstabiert man stille
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Wie die Stille zu sprechen beginnt
Sigune Schnabel und Philipp Létranger führen in “wie buchstabiert man stille” einen poetischen Dialog über Natur, Sprache und menschliche Empfindung
Von Florian Birnmeyer
Besprochene Bücher / Literaturhinweise
Der Titel wie buchstabiert man stille könnte zunächst eine allzu gefällige oder gar kitschige Naturlyrik erwarten lassen. Doch Sigune Schnabel und Philipp Létranger, die in dem im Geest-Verlag erschienenen Band abwechselnd Gedichte beisteuern, vermeiden weitgehend die sentimentalen Fallstricke ihres Gegenstands. Ihre Texte beziehen ihre Kraft aus ihren Empfindungen, ohne in Sentimentalität umzuschlagen. Das richtige Maß an Gefühl zu finden, ist eine der Stärken dieses poetischen Zwiegesprächs. Das dialogische Format erprobte Philipp Létranger bereits 2025 gemeinsam mit Siegfried Völlger in dem Lyrikband ungläubig eine kathedrale betreten. Létranger und Sigune Schnabel gehören beide zum festen Autorenstamm des Geest-Verlags, sind bereits bei anderen Gelegenheiten miteinander in einen poetischen Dialog getreten und schätzen das literarische Werk des jeweils anderen.
Die Gedichte antworten einander nicht immer unmittelbar. Vielmehr nehmen sie Motive auf, führen Stimmungen fort und verschieben Bilder. Auf diese Weise entsteht ein Dialog über Natur, Sinn und menschliche Existenz. Schnabel und Létranger finden überraschende Naturbilder und verknüpfen sie mit dem Menschen, der Technik und der modernen Lebenswelt. Dabei erscheint der technische Fortschritt keineswegs uneingeschränkt als Fortschritt. Hinter vielen Versen steht die Sehnsucht nach einer stilleren und aufmerksameren Welt, in der der Mensch nicht vollständig von den Geräten und Rhythmen bestimmt wird, die er selbst geschaffen hat:
alles sucht
nach dem ausgang
der himmel summt
alte weisen
(Philipp Létranger)
Der Natur kommt in diesem Band eine besondere Bedeutung zu. Diese Verse zeigen, dass „alles“ nach einem Ausweg sucht und der Himmel noch die Erinnerung an „alte weisen“ bewahrt. Die Natur erscheint heil, unberührt, wie aus einer alten Zeit – und sie ruft Erinnerungen und Gefühle an früher und an die Kindheit wacht. Das Verb „summt“ wirkt kindlich-verträumt.
Natur ist in diesem Band stets bedeutungstragend: Vögel, Gräser, Erde, Licht und Himmel bilden keine bloße Kulisse, sondern werden zu Resonanzräumen menschlicher Erfahrung. Schnabel und Létranger versuchen, die Welt poetisch neu zu verzaubern. Doch die bereits vollzogene Entzauberung lässt sich nicht einfach rückgängig machen. Immer wieder dringen Ernüchterung, Begrenzung und körperliche Verletzlichkeit in die Verse ein:
Die Erde ist aus Sprache,
aus Licht.
Schon vor der Geburt wurde ich
in die Welt verpackt.
Wurde groß.
Mein Körper stößt an.
(Sigune Schnabel)
Die Welt erscheint hier zunächst als sprachlich und sinnlich geformter Raum. Doch das lyrische Ich ist in ihr nicht grenzenlos aufgehoben. Es wird „verpackt“, wächst und stößt schließlich an Grenzen. Die kurzen Sätze und Zeilenbrüche machen diese Erfahrung auch formal spürbar. Besonders das lapidare „Mein Körper stößt an“ holt das vorausgehende Sprach- und Lichtbild in die konkrete körperliche Existenz zurück.
Gelegentlich bewegen sich die Gedichte nahe am lyrischen Raunen. Nicht jedes Bild erschließt sich unmittelbar, und manche Verse setzen eine Bereitschaft zu Pathos und spiritueller Sinnsuche voraus. Wer mit einer solchen Poetik grundsätzlich wenig anfangen kann, wird zu diesem Band vermutlich nur schwer Zugang finden. Doch Schnabel und Létranger gelingt es meist, ihre bedeutungsschweren Bilder durch sprachliche Konzentration und formale Zurückhaltung auszubalancieren. Man merkt, dass hier zwei altgediente Lyrikerinnen und Lyriker am Werk sind, die ihr Handwerk beherrschen. Spirituell, versonnen, aber auch immer wieder realistisch lassen sich Schnabel und Létranger aufeinander ein und schaffen so einen Gedichtband, mit dem man gern eine ruhige Abendstunde füllt.
Wer sich auf diese leise und sensible Bildwelt einlässt, kann sich von einer Lyrik davontragen lassen, die klingt, tönt, summt und bisweilen bebt. wie buchstabiert man stille ist ein Buch über die Suche nach einer anderen Art, die Welt wahrzunehmen: langsamer, aufmerksamer und offener für das, was sich nicht sofort erklären lässt. Sigune Schnabel und Philipp Létranger haben gemeinsam einen Gedichtband geschaffen, der trägt. In einer lauten Gegenwart ist das etwas Besonderes.
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