Marny Münnich zum Buch von Sigune Schnabel & Philipp Létanger: 'wie buchstabiert man stille'
Wie buchstabiert man Stille?
Fragt man mich, so sehne ich mich von Montag bis Freitag, die Stille buchstabieren zu können. Und am Wochenende sehne ich mich manchmal danach, weder lesen noch schreiben zu können, um jener Stille zu entgehen.
In eben jenem Spannungsfeld aus Annäherung und Vermeidung, aus Sehnsucht und Distanz, aus ungestellten Fragen und erwarteten Antworten bewegen sich die Autoren des lyrischen Dialogs, den sie unter der Frage „Wie buchstabiert man Stille“ führen. Eine Frage, die vielleicht bewusst auf das Fragezeichen verzichtet?
Jedes Gedicht in dem Dialog ist ein einzelnes Werk. Jedes von ihnen könnte Abende füllen, Stille gemeinsam aushaltbar machen. Mit jedem von ihnen könnte man der Stille etwas Schönes abgewinnen, wenn man sich darin nicht alleine wüsste. Vielleicht könnte jedes der Gedichte die Stille durchbrechen, wenn sie unerträglichen Lärm im Einzelnen, im Alleinsein, verursacht.
Und gleichzeitig erscheint jedes Gedicht nur der Auftakt zum nächsten zu sein. Ein Dialog von zwei Personen, die ihre Gedichte in vertrauter Sprache und vertrauten Bilder vorausschicken, um sich selber nahe zu sein. Verbindung zu spüren. Und gleichzeitig jene vertraute Sprache und vertraute Bilder vorausschicken, um dem anderen nicht zu nah zu sein. Vielleicht aus der Angst heraus, dass die eine feststellt, dass auch der andere Stille nicht buchstabieren kann. Vielleicht aus der Angst heraus, dass der andere feststellt, dass auch die andere die Stille nicht buchstabieren kann.
Sigune Schnabel und Philipp Létranger gelingt es, einerseits das abzubilden, was sich fühlen, aber nicht versprachlichen lässt. Andererseits das zu versprachlichen, was sich durch nichts anderes als durch Worte darstellen ließe.
Sigune Schnabel bewegt wieder einmal, indem sie Metaphern wie Kartoffeln aus der Erde liest. Und dabei scheint es ihr gleichgültig zu sein, ob Erntezeit ist oder nicht. Sie hebt das Gold der Sprache aus dem Boden wie die Kartoffelausleser:innen im Herbst ihre Ernte in Körben voller Knollen.
Und Philipp Létranger? Er weiß, die Metaphern weiterzuverarbeiten. Er hält sie in den Händen wie frisch geerntete Kartoffeln und zeigt in beeindruckender Virtuosität, in welche weiteren Bilder und Bedeutungsräume sie sich entwickeln können. Beiden gelingt es, weil sie sich vertrauen. Weil der eine dem anderen seine Lyrik vertrauensvoll in die Hände legt. Und der andere weiß, damit vertrauensvoll umzugehen.
Am Eindringlichsten aber ist die Nähe dieser Gedichte. Die Nähe zweier Menschen, die einander zu schreiben scheinen ohne sich jemals begegnet zu sein. Eine Nähe, eine Intimität, die ihresgleichen sucht. Und gleichzeitig schwingt zwischen den Zeilen die Angst vor der tatsächlichen Begegnung mit
- als könnte der Mensch, der da schreibt, in der Realität zu etwas zerfallen. Als würde er in der tatsächlichen Begegnung nicht mehr denjenigen aufrechterhalten können, als der er in den Gedichten für den anderen erscheint.
Als Lesende bin ich bewegt. Zutiefst. Immer dann, wenn ich über Bilder stolpere, die für mich vorher nicht sichtbar waren. Dann, wenn der eine den Gedanken der anderen fortsetzt.
Bin himmelhochjauchzend. Und glücklich über jede sprachliche Synkope, die auch mein Herz aus dem Takt bringt.
Und bin beim Lesen doch gleichzeitig getragen von einer Ambivalenz, die der Lyrik des Dialogs unterliegt: Dass beide beschreiben, was für mich nur fühlbar, aber nie in Worte zu fassen möglich gewesen wäre; Dass beide das fühlbar Mögliche immer auch eine Zeile zeitversetzt umschreiben, um nicht vom anderen verletzt zu werden, weil sie sich so unfassbar nah kommen.
Sigune Schnabel und Philipp Létranger heben die Sprache auf ein neues Niveau. Dabei nehmen sie alle Lesenden mit, einem Dialog beizuwohnen, den es vorher in der Lyrik noch nicht gab.
Ohne diejenigen bloßzustellen, die die Stille gewohnt sind.
Ohne diejenigen infragezustellen, die die Stille umgehen.
Nachtrag der Rezensierenden (20 Minuten später):
Vielleicht muss ich auch jetzt beim ersten Lesen nicht wissen, wie man Stille buchstabiert.
Ich lege die Frage in den Boden und werde im Herbst schauen, welche Antworten aus ihr erwachsen werden.