Rezension von Olaf Bröckers: Zauberhafter Hügel von Heike Avsar


Rezension

Olaf Bröcker: Zauberhafter Hügel

von Heike Avsar

Für Johannes, den jungen Hauptprotagonisten des Romans, stellt sich, wie für viele junge Menschen, die sich noch nicht selbst gefunden haben, die Frage, wie es nach dem Abitur weitergehen soll. Ein Medizinstudium wäre interessant gewesen, wenn die Noten ausgereicht hätten. 
So kommt der Vorschlag der besorgten Eltern und seines Cousins Achim recht, sich doch für ein dreiwöchiges Praktikum in einem Institut zu bewerben, in dem Achim seit einigen Jahren als Pfleger tätig ist. 

Mit dem vollgetankten Auto seiner Mutter ging es nun also für Johannes in eine wahrhaft andere Welt. 
Am Ziel angekommen, lag oben auf einem Hügel das schöne barocke Klinikgebäude, das jetzt für einige Zeit - drei Wochen schien ihm eine Ewigkeit - sein Zuhause sein würde. 
Von Achim in Empfang genommen und kurz eingewiesen, stellt Johannes überrascht fest, dass das Innere des Gebäudes einem modernen Krankenhaus, ja, fast schon einem Hotel glich, als einer Anstalt für psychisch Erkrankte. 
Sein Zimmer war als luxuriös zu bezeichnen, mit einem großen Balkon vor den Fenstern, von dem aus man auf einen gepflegten, hübschen, parkähnlichen Garten unterhalb der Anstalt blickte. 
Er konnte also zufrieden sein, auch wenn er darüber erstaunt war, dass die Zimmer von Patienten und Klinikpersonal dicht nebeneinander lagen und es keinen Handyempfang gab. 
Ebenso verwunderte ihn, dass Patienten und Personal verschiedenfarbige Namensschilder tragen, an denen zu erkennen war, zu welcher Personengruppe sie gehörten. 
Je dunkler die Farben, desto stärker die psychische Erkrankung, wie Achim ihm erklärte und zudem nicht zu erwähnen vergaß, dass es allen Insassen, einschließlich des Personals, strikt untersagt sei, über die jeweiligen Krankheitsbilder zu sprechen.

Praktikant Johannes hatte nun neben Achim seinen festen Platz im Speisesaal gefunden, wo ebenso kein Unterschied zwischen Personal und Patienten gemacht wurde. Mit einer Selbstverständlichkeit wurden gemeinsam die stets köstlichen Mahlzeiten eingenommen, wie eben auch die Gespräche bei Tisch unter- und miteinander stattfanden. Gespräche, teilweise merkwürdig skurril, mal mit Scharfsinn oder auch gebildet, der Grat zwischen Wahrheit und Fantasie, immer dicht beieinander liegend.
So lernte Johannes nach und nach Patienten und Personal kennen, auch wenn er es seltsam fand, dass die Ärzte im unteren Trakt des Hauses unter sich blieben und sie niemand zu Gesicht bekam.
Seine Pausen verbringt er mit Achim bei Spaziergängen durch den Garten, wo sie abschließend auf einer Bank Platz nehmen und Achim genüsslich Zigaretten raucht. 
So kommt Johannes im Garten auch mit den beiden Philosophen Dr. Ranft und Herrn Siebenpfeiffer ins Gespräch; zwei klugen Köpfen, die es nicht lassen können, tagein, tagaus Streitgespräche zu führen, uneinig darüber, wessen Thesen nun die richtigen seien. 
Und dann ist da noch Frau Hering, die Johannes zugetan ist, von der Bildung her eher einfach gestrickt, dennoch scharfsinnig und mit einer Vorliebe für Fremdwörter, bei deren Anwendung sie einen wahren Sprachsalat fabriziert. Selbst der hoch intelligente, um Johannes besorgte Dr. Grabowski, obwohl von Berufsstand nicht wie vorgegeben, Arzt, erklärt ihm glaubhaft die krankmachenden Auswirkungen für Körper und Seele, als Johannes in der Klinik die Liebe kennenlernte. 
Als zwei Todesfälle nicht nur Johannes erschüttern und mit Schuldgefühlen zurücklassen, ist es längst zu spät, die Zelte abzubrechen. Die Magie des Hauses mit all seinen unterschiedlichen Bewohnern, Pflegekräften und Ärzten, haben Johannes wie durch einen Sog zu einem Teil des Ortes und seiner Geschichte werden lassen.  

 


Olaf Bröcker ist ein wahrhaft zauberhafter, fast schon philosophischer Roman gelungen, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in einen magischen Bann zieht. 
Ich habe wirklich selten erlebt, von einer Geschichte so stark in die Handlungsstränge hineingezogen worden zu sein, bis man schließlich, ohne es zu merken, selbst Teil des Geschehens zu sein scheint. 
Man ist als Leser dieses Buches gefangen, weil eine unglaubliche Faszination von Handlung und Figuren ausgeht, denen der Autor mit bewundernswerter Leichtigkeit Leben eingehaucht hat. 
Hinzu kommt der wunderschöne, feine und gebildete Sprachstil des Erzählers aus längst vergangener Zeit. Wenn er den Leser anspricht, genügt allein schon der Satzanfang: „Unser junger Hospitant …“, um Genuss zu empfinden. 
Und dennoch hat jede Figur seinen eigenen Sprachstil, seine eigene Denkweise, seinen eigenen Charakter. Die wissenschaftlichen Diskussionen einiger Figuren, deren Inhalt und Zweck dem aufmerksamen Leser nicht entgehen werden, behandeln ebenso die Probleme der heutigen Zeit wie Klimawandel oder die Suche nach Sinn, wo es heißt: „Nutzen Sie Ihren Verstand für andere Menschen und nicht für Ideen, nicht für Ideologien und nicht für Götter!“
Der gesamte, außergewöhnliche Roman ist eine große Kunst des Schreibens und eine unbedingte Leseempfehlung.

Heike Avsar 



Erschienen im Geest-Verlag, 158 Seiten, 14,00 Euro