Sigune Schnabel - Wäsche machen

Wäsche machen

 

Jonas baut ein Haus aus Tüchern. Draußen ist es kalt, und ich lausche dem Schnee, der geräuschlos bleibt. Ich will das nicht wahrhaben. Wenn etwas fällt, muss es hörbar sein, am besten laut. Denn auch der Schnee ist nicht mehr unversehrt, wenn er die Straße berührt und schmilzt. Fallen ist Zerstörung. Manchmal gibt es danach nichts, manchmal Scherben.

„Ich bin halb Kind, halb Pfau“, sagt Jonas, und ich will wissen, warum er sich ausgerechnet einen Pfau ausgesucht hat, aber das verrät er mir nicht. Seine Stimme klingt fremd.

 

Ich habe Jonas vor sechs Jahren bekommen, drei Tage vor meinem fünfunddreißigsten Geburtstag. Damals gab es schon keinen Vater mehr, nur einen Großvater. Der hatte sich ein Mädchen gewünscht, ein schönes, das aussah wie Anne. Anne war eine Woche nach der Geburt gestorben. Das liegt jetzt elf Jahre zurück. Wir sprechen nicht mehr darüber.

Jonas hatte am Anfang einen kahlen Kopf. Schön war gewiss nicht das richtige Wort für ihn: schmale, verklebte Augen, faltige Haut und ein rundes Gesicht. Sein Großvater hatte ihn ein einziges Mal besucht, bevor er wortlos aus seinem Umkreis verschwand. Er hatte mich fest angeblickt und gesagt: „Nicht noch einmal ein Kind verlieren.“ Seine Worte waren eine Anweisung an mich gewesen.

Trotzdem ist er nicht wiedergekommen. Ob der kahle Schädel, die wild herumstrampelnden Füßchen oder der verknautschte Blick schuld daran waren – Jonas wird es nicht mehr erfahren. Tief im Innern glaube ich: Freiwilliger Verlust ist leichter. Großvater hat kein Vertrauen in mich gehabt. Doch was spielt das für eine Rolle, so viele Jahre später? Wichtig ist nur: Ich habe seine Anordnung befolgt.

 

Ein Pfau also ist Jonas, aber nur von hinten, sagt er, vorne müsse er essen, und Pfauennahrung schmecke ihm nicht. Was denn ein Pfau frisst?

„Blüten, Früchte, Samen und kleine Wirbeltiere“, antworte ich, nicht ohne auf mein Handy zu blicken.

Vor dem Fenster steht ein Lindenbaum. Seine Blätter färben sich schon, und mit dem Rot verändert sich auch mein Gemüt. Es ist noch viel zu früh für Schnee.

Ich habe nichts gegen einen Pfau, auch wenn er nur zur Hälfte einer ist. Dennoch wäre mir ein Sohn lieber.

 

Draußen kommt Sturm auf, aber ich höre den Schnee noch immer nicht. Inzwischen ist es dunkel, und die Flocken umschwirren die Straßenlaterne wie ein Mückenschwarm. Ich muss noch die Wäsche machen, aber ich schiebe es vor mir her.

 

„Papa ist auch ein Pfau“, sagt Jonas und zieht ein Loch in sein Stoffdach. Ich verstehe nicht, warum er sich nicht eine Ratte ausgesucht hat oder wenigstens eine Maus, aber ich gehe lieber in die Küche, um den Riss nicht zu spüren, der sich in sein Spiel schleicht. Und um den Pfau nicht zu sehen. Die Abwesenden sind am schönsten. Jonas bleibt auch halb abwesend, wenn ich hier in der Küche stehe.

 

Schon mit fünfzehn, als ich meine Schwester in den Armen hielt, sagte Mutter zu mir: „Es steht dir gut, das Baby.“ Vater nickte und die Tante stimmte mit ein, alle sagten denselben Text auf. Ich wollte das Zimmer verlassen – die Wände, der Garten, das ganze Leben bauten sich auf einmal bedrohlich vor mir auf. Im Fernsehen lief eine Hochzeit.

 

Manche würden mir heute eine verfrühte Midlife-Crisis zuschreiben. Ich halte das für eine Erfindung. Werden wir nicht alle verrückt, wenn wir uns nicht einen Sinn, eine Rolle erfinden, um uns darin zu bewegen, denn wer wären wir schon ohne Aufgabe, ohne Geschichte? Nackt wären wir.

Meine Geschichte hatten meine Eltern für mich geschrieben. Unabhängig davon, ob ich zufrieden war oder nicht, fiel ich immer von Neuem in das vorgegebene Skript zurück, in die Inszenierung, die sie für mich ersonnen hatten, und ich wusste, ich würde eine folgsame Tochter bleiben. Vielleicht ist das auch ein Weg, nicht verrückt zu werden.

 

Ich erinnere mich noch gut an letztes Jahr im Februar. Auch damals fiel Schnee. Langsam löste ich die Bremse. Jonas saß auf der Rückbank.

„Wir fahren zu deinem Vater“, verkündete ich.

Fünfzig Kilometer entfernt lag der Friedhof. Das Eis ließ mich unsicher werden. Jetzt schien es durch die ganze Stadt zu kriechen. Durch das Autofenster sah ich, wie sich die kahlen Baumkronen einem leichten Wind ergaben.

Das Dorf, in das wir kamen, war nichts als eine undeutliche Skizze alter Häuser. Ich stellte das Fahrzeug auf dem Parkplatz ab. Wir waren die Einzigen, die es dorthin verschlagen hatte. Draußen war es noch kälter als in der Stadt, aber der Wind hatte etwas nachgelassen. Ich drückte das Kinn in meinen Schal.

Jonas war zum ersten Mal hier. Kurz und fast widerwillig nahm er meine Hand, als wir durchs Tor gingen.

Er verstand nicht, dass sein Vater unter der Erde lag, verlangte ununterbrochen nach einem Haus. Er wurde immer ungeduldiger, und während ich so dastand und nicht wusste, welche Worte die richtigen waren, näherte sich von hinten ein Mann. Er trug einen grauen Anorak und dünne Stoffschuhe, die wirkten, als wären sie für anderes Wetter gemacht.

„Da ist er“, sagte Jonas, und nur mit Mühe konnte ich ihn davon abhalten, den Mann anzusprechen. Er zerrte an mir, versuchte sich loszureißen und biss mir fest in den Stoff der Hose, als er merkte, dass er scheitern würde. Sein Gesicht war rot, und er schrie, schrie auf einmal so laut, als hätte ich ihm persönlich den Vater weggenommen.

 

Ich brach den Versuch ab, sein Leben zu erklären. Es hatte keinen Sinn. Die Geschichte liegt hinter Jonas, und so sehr er sich auch bemüht, mitten hineinzustolpern, seine Füße müssen ihn weiter forttragen. Was bleibt, sind nichts als Unebenheiten im Boden, hier ein Wort, dort ein Satz. Man kann sie ausgraben, ihm erzählen, wie sein Vater gestorben ist. Aber wird sein Weg dann glatter verlaufen? Wohl kaum.

 

Der Mann glich eher einer Maus. Ich sprach es nicht aus. Es endet immer damit, dass ich irgendetwas nicht gut genug mache.

 

Noch einmal werfe ich einen Blick ins Kinderzimmer. Jonas hat sich wieder unter dem Stoff verkrochen. Vielleicht, denke ich, sollte ich wenigstens die Wäsche machen.