Thalia-Anna Hampf - Im Erdboden
Im Erdboden
Sich erden
To ground yourself
Ich erinnere mich daran, wie das Fenster dich gerahmt hat, während du in der Sonne im Beet knietest. Ein altes, ausgewaschenes rosa Unterhemd übergeworfen, den Rücken längst verbrannt. Da draußen konntest du atmen für eine Sekunde. Deshalb warst du auch so oft rauchen. Deine Nagelspitzen, die dunklen Halbmonde, sehe ich genauso vor mir, wie dass du sie mit der kleinen Nagelbürste neben dem Waschbecken so lange schrubbst, bis sie so sauber sind, als hättest du noch nie etwas gepflanzt. Ich habe dich nie mit dreckigen Nägeln kochen sehen. Du pflanzt Sauerampfer und Schnitt-lauch, Pfefferminz und Erdbeeren und allerlei, dessen Namen ich nicht kenne. Dinge, die ich probieren darf, und Dinge, die ich bloß nicht abrupfen soll. Dass ich mit meinen Brüdern aus den Hortensienblüten Konfetti gemacht habe, werden wir wohl beide nie vergessen. Heute könnte ich vermutlich einen eigenen Garten haben. Stattdessen habe ich eine Menge Fragen und die Gewissheit, dass mich das nicht ansatzweise so glücklich machen würde wie dich. Vor allem aber bin ich niemals lange genug an einem Ort, würde die Dinge weder wachsen noch rotten sehen und am Ende wieder nur bloße Erde vorfinden. Und doch verstehe ich, wie schön es sein kann, etwas wachsen zu sehen, was deine eigenen Hände gepflanzt haben. Geduld. Nur etwas Geduld. Mit dir selbst und den Dingen. Wir könnten so viel schlauer sein, wenn wir nur zuhörten, was uns der Boden erzählt. Was also erzählt er dir?
Ich suche nach Antworten und habe eine Menge auf dem Herzen gestapelt. Wir haben das gesamte Wissen immer griffbereit in unseren Taschen dabei, aber es gibt Sachen, die lassen sich nicht in einer Suchmaschine finden.
Wenn es dir so richtig schlecht geht, frage ich, also wenn etwas wirklich Schlimmes passiert, was du nicht ändern kannst, was einfach zu viel ist, um es zu begreifen ... Zum Beispiel als ... Oma gestorben ist, was machst du dann, damit es dir besser geht? Ich habe nicht damit gerechnet, dass du mir eine klare Antwort darauf geben kannst, dachte, du müsstest eine Weile darüber nachdenken, aber du sagtest geradeheraus: In der Erde wühlen. Es ergibt so viel Sinn, und ich sehe dich wieder durch das gerahmte Fenster, sehe dich heute, höre das Plätschern der Gießkanne und meine tapsigen Schritte. Sehe, wie die Erde aufweicht, erinnere mich, wie sich Schlamm anfühlt im Vergleich zu trockenen Erdklumpen, die ich zwischen den Fingern zu Pulver zerdrücken kann. Das Gefühl von kleinen Würmern, die sich auf der Handfläche winden, bevor ich sie ein paar Meter weiter wieder auf die Erde setze, weil du dich vor ihnen ekelst. Wenn du dich hilflos fühlst, kannst du immer noch den Garten umgraben. Etwas berühren, was uns alle etwas angeht, wovon wir uns nur so weit entfernt haben in unserer aufrechten Eitelkeit. Ich habe das Herz schwer, kann es nicht ändern und es auch noch nicht begreifen. Vielleicht ist es ein guter Tag, um einen Baum zu pflanzen und trotzdem selbst keine Wurzeln zu schlagen.