Thomas Weiß begeistert sein Publikum bei seiner Buchpremiere von 'wort. findung. störungen' am 8. Mai im FIRST EDITIONS in Baden-Baden

Volles Haus zur Buchpremiere von Thomas Weiß an einem der komunikativsten Orte in Baden-Baden, dem First Editions von Thomas Lardon. Dieser begrüßte nicht nur mit einigen einladenden Worten das Publikum, sondern begleitete die Lesung auch einfühsam musikalisch. Ehe Thomas Weiß seine Lesung begann, stellte Verlagleiter Alfred Büngen mit einigen kurzen Ausführungen klar, wieso er aus der Vielzahl der Manuskripte, die wöchentlich im Verlag eingehen, das Manuskript von Thomas Weiß veröffentlichte.

Vor der Lesung seiner Gedichte führte Thomas Weiß einige Sätze zu seiner „Poetologie“ aus.  Nicht er findet das Wort, das Wort findet ihn; er beschreitet Wortfelder, macht Entdeckungen, lässt sich treiben und überraschen. Er verfasst keine klassischen „Sinn-Gedichte“, er macht sich vielmehr auf den Weg, um Sinn zu finden, um von Sinnhaftem ergriffen zu werden. Einen Weg, den er vorher nicht kennt, der sich ihm im Gehen erschließt.
Von Walle Sayer, dem Dichterkollegen aus Horb, den er sehr schätzt, hat er gelernt: Beim Dichten ist nicht das Schreiben das Wichtigste, nicht Reflexion und Komposition, sondern das Schauen, damit beginnt das Dichten. Schauen aber ist nicht einfach Sehen, sondern Entdeckung, Wahrnehmung, Vertiefung. Beim Sehen ist er nur bei sich selbst, beim Schauen ist er schon ergriffen.
 

beim worte treiben weit
sichtig sein 
sich nicht verlassen

auf das lärmen
der drücker und hunde
mit eigenen augen hören
im gehölz
mit geduld bis
sie hinüber wechseln 

du genug hast an
ihrem wittern
an keckern und klang

Thomas Weiß meint, da er Theologe sei, sei er darum vielleicht auch Dichter, weil er wort-affin sei, auf das Wort angewiesen ist beim Feiern, Predigen, Gespräche führen, weil er dem Wort, dem menschlichen gerade so wie dem biblischen, etwas zutraut. Aber: ER verstehe sich nicht als religiöser Dichter. Er hat keine Botschaft, will niemanden für eine bestimmt Weltsicht gewinnen. Ihm hilft das Wort, ihm hilft Sprache bei den Suchbewegungen seines Lebens, bei den offenen Fragen, bei Glück und Verletzung. Wer mag, entdeckt das bei sich selbst, geht ein paar Schritte mit. Seine Gedichte sind Einladungen, keine Aufforderungen: Sein Sprachgrund ist zuerst ein religiöser, aus der biblischen Sprache
gewinnt er Worte, die er aufbricht, mit denen er es versucht und die er versucht. 

 

 

sag mir

wann

ist ein mensch

glücklich zu nennen

und ein mensch

 

jetzt

immer jetzt

 

Was er noch gelernt hat ist, dass Lyrik einen Kontext hat. Gedichte sind nicht erhaben, nicht herausgehoben aus Getümmel und Lärm, sie sind nicht zeitlos. Gedichte sind, implizit oder explizit, immer politisch.
Darum freut es Thomas Weiß sehr, in einem Verlag veröffentlichen zu dürfen, der sich diesen Satz von Rosa Luxemburg zum Wahlspruch erkoren hat:

Unpolitisch sein heißt politisch sein, ohne es zu merken.

Besser, wir merken es, und besser, unser Schreiben und Schweigen lassen es merken.

 

lied für alle, die nicht hören wollen
was die spatzen von den dächern pfeifen



was pfeift der spatz vom dach
aber ach aber ach

was pfeift der spatz vom giebel
ganz übel ganz übel

was pfeift der spatz von der gaube
ich glaube ich glaube

was pfeift der spatz von den wänden
das wird böse enden

was pfeift der spatz von der rinne
werd inne werd inne

was pfeift der spatz von der ziegelei
hört auf mit dieser kriegerei

sonst hört ihr uns nie wieder
das geht nicht auf die dauer
das pfeift der spatz von der mauer
so klingen seine lieder

 

 

Eine wunderbare Lesung mit einem schönen Gespräch am Ende und zahlreichen Signaturen.