Thomas Weiß mit Rezension zu Sigune Schnabel, Philipp Létranger - wie buchstabiert man stille
Lyrik ist eine durch und durch dialogische Kunst, jedenfalls die, die’s nicht besser wissen will, die keine Botschaften verkündet und die nicht per „Sinngedicht“ die Welt erklärt. Gedichte sind, um Umberto Ecco zu zitieren, „offene Kunstwerke“. Sie suchen das Gespräch, fordern Lesende und Hörende dazu auf (und dazu heraus), Stellung zu beziehen, sich befremden zu lassen, weiter zu denken und zu dichten. Zeitgenössische „moderne Lyrik“ setzt darauf, dass der Autor, die Autorin mit eigener Stimme sprechen, sich hören lassen im Konzert der vielen Stimmen, das je eigene Gedicht zur Sprache und ins Gespräch bringen. „Postmoderne“ Haltungen, die relativieren, Vielfältigkeit und Vielstimmigkeit ohne traditionelle Bindungen suchen, die aus „alten“ Stücken Neues setzen, sind dabei nicht selten.
Im Dialog befinden sich meist ein Dichter oder eine Dichterin mit ihren Leser*innen und Zuhörer*innen, das Medium ist das Buch oder die einzelne Stimme. Das Gespräch, das sich dabei entwickelt, ist recht einseitig und oft genug bekommt der oder die Schreibende die kreativen Reaktionen der Rezipienten nicht mit.
Sigune Schnabel und Philipp Létranger lassen sich (wagemutig) auf die Erfahrung ein, nicht nur über Gedichte im Dialog zu sein, sondern durch Gedichte. In sechszehn Abschnitten sprechen Sie einander Gedichte zu, meist fünf, zweimal sieben, in denen sie auf vielfältige Weise auf das Gedicht des, der anderen antworten: mal anknüpfend, mal befragend, mal im Zweifel oder zustimmend. In einer „Zuwendung“ in den ersten beiden Gedichten markieren die Autorin und der Autor, was ihr Interesse ist: „Wir spielen mit Stimmen / und tunken sie in Farbe“ (Sigune Schnabel, 8) und „das wort einfangen / wie die wolken immer schon / den wind“ (Philipp Létranger, 9). Durch die Gedichte im Buch ziehen sich poetische Motive: der Winter und der Schnee, die Nacht, der Traum und andere, durchaus gewohnte Bilder, die sich aber im Gespräch neu und individuell erschließen. Faszinierend, zu sehen resp. zu lesen, wie sich die beiden Dichtenden gegenseitig bereichern, aneinander Entdeckungen machen, mit verändertem Blick und Gefühl zu neuen Poemen und Bildern inspiriert werden. In alledem entsteht poetische Beziehung: „Ich begegnete dir / als Vorsilbe“ (Sigune Schnabel, 62). Was im Buch vorgelegt wird, ist gewiss eine bunte, reiche Ernte.
Die Gedichte haben kein durchgängiges Thema, das sich durch die ganze Sammlung zöge – es sei denn: die Tragkraft, die Notwendigkeit des Wortes: „Die Welt ist ein Spiel / aus Worten“ (Sigune Schnabel, 83); „wenn wir uns einmal entschieden haben / im wort zu leben / bewohnen wir uns selbst / und die erde“ (Philipp Létranger, 93). Diese Beheimatung ist freilich nicht einfach zu haben, sie muss der aufmerksamen Pflege des Wortes abgewonnen werden: „Ich schweige die Sommerworte / vor die Tür // Lass sie nicht fallen - / sie könnten brechen“ (Sigune Schnabel, 19). Wir haben nichts als Worte, um uns die Welt und uns selbst zu erklären, begreiflich zu machen, aber auch „Die Sprache ist nah / am Winter gebaut // Gib acht, die Worte / sind glatt“ (Sigune Schnabel, 43). Wir haben nichts als Worte, doch „etwas liegt darin geborgen / das nährt // eine endung / etwas wie hoffnung“ (Philipp Létranger, 65). Das, was nährt und leben hilft, zu entdecken, herauszuschmecken, herauszuhören – dazu können diese Gedichte im Dialog eine ganz hervorragende Anleitung sein. Indem ich mich in dieses Gespräch hineinbegebe und weiter dichte, was meine Stimme dazu tun und sagen will.
Thomas Weiß