Tiana Hillmann - Unser Kreuz
Tiana Hillmann (16 Jahre)
Unser Kreuz
Geschichten will man eben mehrmals lesen.
Bis das Blättern flüssig, Worte, die noch nicht genannt,
bereits auf den Lippen.
Wiederholung sei das Natürlichste uns Menschen.
Erneut die Stimmen. Werden lärmend.
Erneut werden gestopft mit Aufruf nach „Pflichtblut“.
Unter dem blassen Licht marschiert laut geheiligtes Unrecht in Stiefeln die Straßen.
Die Sohle hinterlässt das Rot der Unschuld.
In Hand, mechanische Erlösung.
Graues Pulver, ein Funke.
Heute nicht die eigene Gewalt am Abdruck.
Schüsse nicht mehr klingen müssen.
Augen schließen schon immer genug.
Verachtung macht sich in unserem Tuscheln breit, wie in früherer Zeit.
Sollten doch lernen.
84 Jahre soll doch bleiben Vergangenheit?
Euer heut‘ gesetztes Kreuz genügt. Ist euch dies nun recht oder wählt ihr Macht mit Haken?
Stehe in Deutschland.
Allein in den Straßen, wieder eins. Höre die Vergangenheit leise aus den Ecken flüstern.
Flehen zu lange laut, um weiter zu bestehen.
Verdeckt von heutigen Plakaten mit gleichen Verzweiflun-gen in Tinte.
Das Schwarz nun auf neue Haut geschmiert.
Kleiner Bub mit Mutti am Gehweg.
Äuglein groß, braunes Hemd ertränkt die wachsenden Kno-chen der fälschlich strammen Haltung.
Spiegelung der hängenden, roten Armbinde verschwimmt in Pfützen.
Er betrachtet unsere Gestalt, doch kann uns nicht sehen. Blick durchdringt den Menschen.
In seinen Augen, verblendet von Stolz, zupfen falsch
bedreckte Hände an Muttis Ärmel.
„Mama, Mama, ist der Herr Hitler nun wieder da?“