Wendelin Mangold - Ich will mein Geld zurück

ICH WILL MEIN GELD ZURÜCK

Wie jeder andere mache auch ich mir Gedanken über die prekäre gegenwärtige Lage. Um meine Meinung dazu zu überprüfen, dachte ich mir, ich ziehe kluge Köpfe heran, und bestellte für 22 Euro das Buch des wohl besten deutschen Gegenwartsphilosophen Peter Sloterdijk: „Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute“. Ich las tagaus, tagein ein paar Seiten, bewunderte seine tiefgehenden, weitläufigen Ausführungen und seine sprachliche Raffinesse.

Da meine Frau stets schweigend dabei saß, wollte ich sie auf das Buch neugierig machen und sagte: „Darf ich dir etwas daraus vorlesen?“ – „Bitte nicht!“, protestierte sie. „Bitte“, beharrte ich. „Höchstens einen Satz“, bettelte ich. „Na gut, aber nur einen Satz!“, ergab sie sich. Dabei wählte ich den erstbesten Satz und begann vorzulesen:

„Mit dem Aufbrechen der Umweltfrage von den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Absurdität des modernen extraktiven modus vivendi als solchem offengelegt: Die folgende Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen im Interesse menschlicher Projekte erscheint seither als die Quintessenz des Sinnwidrigen – zu seinen Merkmalen gehört, dass es sich seiner Offenlegung zum Trotz wider besseres Wissen behaupten will, als ob der subjektive Zynismus der Machthaber direkt in den objektiven Nihilismus einer Politik der Letzten Tage übergehe, wie er sich heute vor allem in der trotzigen Energiepolitik der Trump-Administration manifestiert.“ (S. 168)

Dabei unterbrach mich meine Frau empört immer wieder: „Bitte, wie abgemacht, nur einen Satz!“ – „Aber das ist ja nur ein Satz“, beschwichtigte ich sie.

Als ich nach ein paar Tagen die letzte Seite, nämlich Seite 189, des Buches gelesen hatte und auf das Wort Koexistenz* als aller Konflikte einzige Lösung gestoßen war, war ich enttäuscht. Denn klüger geworden war ich durch die Lektüre nicht. Im Grunde war ich selbst schon immer der Meinung, dass die Lösung in vernünftigen und friedlichen Verhandlungen über alle Probleme bestehe – auch im gegenwärtigen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Das hatte ich bereits in meinem veröffentlichten Text „Nationaler Konflikt“ geschrieben.

Alles gut und schön. Als ob ich das nicht selbst schon immer gewusst hätte!

Wenn das alles so einfach ist, warum fehlt es dann immer wieder an menschlicher Vernunft, ob Klima, ob Krieg etc.?

*„Koexistenz beschreibt das gleichzeitige Vorhandensein von Verschiedenartigem. Verstanden wird darunter oft ein unabhängiges Nebeneinander verschiedener Gruppen oder Arten. Stehen beispielsweise zwei gleich starke Gruppen einander gegenüber und beide Gruppen sehen ein, dass sie um des Friedens und ihrer eigenen Interessen willen die Überzeugung der jeweils anderen Gruppe dulden wollen, dann ist dies eine Form der Koexistenz.“ (Wikipedia)