Wendelin Mangold - Reue

REUE

 

Als ich vor Jahren zum ersten Mal in mein Heimatdorf unweit von Odessa zurückkehrte, nahm ich nichts mit. Keine Handvoll Schwarzerde, keinen Stein aus den Ruinen unseres Hauses. Ich ließ alles dort, wo es lag – aus Ehrfurcht vor der Erde, die uns getragen hatte, vor den Menschen, die geblieben waren, und aus dem stillen Glauben, wiederzukommen.

Ich dachte, die Zeit würde mir gehören.

Heute weiß ich, wie trügerisch dieser Gedanke war.

Der Krieg hat die Wege in die alte Heimat verdunkelt. Was einst nur eine Reise war, ist zu einer gefährlichen Annäherung geworden. Die Orte meiner Kindheit liegen noch dort, irgendwo zwischen Erinnerung und Wirklichkeit, doch der Weg zu ihnen ist nicht mehr derselbe.

Manchmal sehe ich in Gedanken die Schwarzerde vor mir – dunkel, schwer und fruchtbar. Ich hätte eine Handvoll davon mitnehmen können. Nur eine Handvoll Erde. Oder einen Stein aus den Trümmern unseres Hauses, stumm und unscheinbar, aber schwer von Erinnerung.

Damals wollte ich nichts fortnehmen.

Heute bereue ich, nichts bewahrt zu haben.

Denn vielleicht begreift man erst im Verlust, dass Heimat nicht nur ein Ort ist. Sie kann in einer Handvoll Erde liegen, in einem Stein, in dem Geruch eines Gartens, im Schatten eines längst verschwundenen Hauses.

Und manchmal bleibt von einem Ort, zu dem man nicht mehr zurückkehren kann, nur das, was man in Erinnerung trägt.

Ich trage es noch immer.

Aber ich wünschte, ich hätte damals auch ein Stück Erde mitgenommen.