Wenn die Natur verstummt Vierzehn lyrische Stimmen suchen in „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt” nach einer Sprache für Klimakrise, Umweltzerstörung und den bedrohten Menschen - Rezenion von Florian Birnemeyer auf literaturkritik.de
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Wenn die Natur verstummt
Vierzehn lyrische Stimmen suchen in „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt” nach einer Sprache für Klimakrise, Umweltzerstörung und den bedrohten Menschen
Von Florian Birnmeyer
Besprochene Bücher / Literaturhinweise
Hinter Wenn selbst der Plastikbaum stirbt steht eine Gruppe von vierzehn Lyrikerinnen und Lyrikern, aus deren Umfeld bereits mehrere gemeinsame Projekte hervorgegangen sind. Abgesehen von der Verbindung zum selben Verlag unterscheiden sich die Beteiligten deutlich: Sie gehören verschiedenen Generationen an, kommen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands und bringen vielfältige persönliche wie berufliche Erfahrungen mit. Wie das Nachwort erläutert, spielte diese Vielfalt bei der Zusammenstellung des Bandes eine wesentliche Rolle.
Die Gruppe besteht seit 2022 und wurde auf Vorschlag von Thomas Bartsch gegründet. Ihr gehörten zunächst Sigune Schnabel, Rieke Siemon, Thomas Bartsch, Holger Küls, Frank M. Fischer, Artur Nickel und Hans-Hermann Mahnken an. Für den vorliegenden Band kamen sieben jüngere Stimmen hinzu: Miriam Bornewasser, Anna Hackstedt, Amanda Wurm, Thalia-Anna Hampf, Ulrike Marie Hille, Eda Muslubas und Philipp Létranger. Nachdem sich frühere Projekte unter anderem mit Digitalisierung und dem Verhältnis des Menschen zur Technik beschäftigt hatten, stehen nun Umwelt, Natur und Klimawandel im Mittelpunkt.
Die Gedichte sind dialogisch angeordnet und bilden thematisch miteinander verbundene Einheiten. Tatsächlich treten die einzelnen Stimmen miteinander ins Gespräch, ohne dabei ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Die Gedichte der paarweise zugeordneten Dichterinnen und Dichter gehen teilweise aufeinander ein, indem sie zum Beispiel auf die letzten Verse des vorherigen Gedichtes reagieren oder einzelne Schlagwörter oder Versbestandteile wieder aufgreifen und variieren. So entsteht eine Art Ping-Pong-Spiel, das sich auf für den Leser und die Leserin interessant zu erkundende Art durch den Gedichtband zieht. Allerdings gelingt dieses Zusammenspiel nicht durchgehend gleich überzeugend. Manche Texte überraschen durch ihre sprachliche Präzision, andere können zum Umweltthema wenig Überraschendes oder Neues beitragen und erschöpfen sich in einer bereits vertrauten Betroffenheitsrhetorik. Die Qualität und die Art der Gedichte variiert im Laufe des Bandes, und auch innerhalb der einzelnen Dialoge gibt es jeweils ausdrucksstärkere und -schwächere Gedichte.
Eröffnet wird der Band von Sigune Schnabel, die neben Philipp Létranger zu den stärksten Stimmen der Sammlung gehört. In ihren Gedichten spielt auffallend häufig der Tod eine Rolle. Dieser ist jedoch weniger biografisch als im Zusammenhang mit dem Sterben von Landschaften und Lebensräumen zu verstehen:
Wenig von mir erinnere ich
Ich liebte die Geheimnisse
der Erde, wuchs in ihr fest.
Sie schloss sich und hielt mich
am Leben.
Als ich starb,
lösten sich Landschaften von ihren Bewohnern
und zogen weiter.
(Sigune Schnabel)
Schnabel sagt viel mit wenigen Worten. Vor allem findet sie einige der ungewöhnlichsten und eindringlichsten Bilder des Bandes. Das Sterben betrifft hier nicht nur das lyrische Ich: Selbst die Landschaften lösen sich von ihren Bewohnern und werden zu heimatlosen, beinahe handelnden Wesen. Gerade diese Verschiebung eröffnet einen größeren Bedeutungsraum.
Auch die Gedichte Philipp Létrangers und die formalen Experimente Artur Nickels überzeugen. Nickel nähert sich der Umweltzerstörung spielerisch und zugleich unübersehbar kritisch:
meeres
rauschen
in meiner ohr
muschel
der gleich
klang von
ebbe und flut
teerklumpen
glasscherben
plastikmüll
eine fisch
gräte surft
drumherum
Die Aufspaltung der Wörter und die kurzen Zeilen erinnern an Wellenbewegungen. Zugleich wird das vermeintlich idyllische Meeresrauschen nach und nach von den Hinterlassenschaften des Menschen überlagert. Teer, Glas und Plastik dringen in den Klang der Natur ein.
Ernster und direkter schreiben Hans-Hermann Mahnken und Amanda Wurm über die Umweltkatastrophe und unter anderem über das Great Pacific Garbage Patch, die gewaltige Ansammlung von Plastikmüll im Pazifik. Plastik, schmelzende Gletscher, die Erwärmung der Meere sowie das Verschwinden von Schnee, Wäldern und Artenvielfalt bilden wiederkehrende Motive des Bandes. Amanda Wurm wählt dafür einen ausdrücklich alarmierenden Ton:
Wenn alles brennt
Wälder, Wiesen und mein Herz
schmerzt es mehr als die Verbrennungen dritten Grades
von den Tieren, Menschen und Bäumen
wenn alles schmilzt
Eis, Gletscher und unsere Hoffnung
Wie weit können wir dann kommen?
(Amanda Wurm)
Das ist zugespitzt und grenzt an Klimaalarmismus. Angesichts der Schwere der ökologischen Krise erscheint die Dringlichkeit jedoch nachvollziehbar. Problematisch wird es dort, wo die Gedichte ihre Aussage zu unmittelbar aussprechen und sprachliche Vieldeutigkeit durch Pathos ersetzen.
Gerade darin liegt die entscheidende Frage, die Wenn selbst der Plastikbaum stirbt aufwirft: Wie kann Lyrik angemessen vom Klimawandel und vom ökologischen Notstand sprechen, ohne in eine Betroffenheitsästhetik abzugleiten, die eher Abwehr als Nachdenken erzeugt? Nicht jeder Text findet darauf eine überzeugende Antwort. In seiner formalen und inhaltlichen Vielfalt zeigt der Band dennoch, dass die Klimakrise ein wichtiges Thema der Gegenwartslyrik ist – und dass Dichtung dort besonders eindringlich wird, wo sie nicht nur warnt, sondern neue Bilder für eine bedrohte Welt findet.
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