Wiebke Endres - Die Lehre
Wiebke Endres, Wilhemshaven
Die Lehre
Das schwere Eisentor fällt wehklagend in das unbezwingbare Schloss des Eingangsportals. Ein eisiger Wind peitscht den Regen über den zu einem braunen Sumpf gewordenen Weg. Zielstrebig eilt Elisabeth in ihren hoch geschnürten Stiefeln auf den blutroten Ziegelbau zu. Im totenstillen Flur salutieren ihre Schritte auf dem harten Steinboden einen Marsch – der Stechschritt präzise wie ein Skalpell. „Guten Morgen, Frau Dr. Hecker.“ Schwester Margot begrüßt Elisabeth ehrfürchtig und überreicht ihr sogleich dienstbeflissen einen Stapel Briefe, dessen oberster deutlich die Insignien höchster Wichtigkeit trägt. „Es ist auch der von Ihnen erwartete Brief aus Berlin dabei.“ Schwester Margot weist auf den obersten Umschlag, erfüllt von sichtlichem Stolz, dass ihre Arbeit hier in dieser gottverlassenen Provinz sogar ganz oben Beachtung findet. Elisabeth bedenkt sie mit einem anerkennenden Lächeln und setzt den Weg entlang des kalten, grauen Flurs unbeirrt fort. Ihre zarte Hand öffnet die schwere, beschlagene Tür zu ihrem Büro, welches sie sofort mit dem so vertrauten Duft unzähliger Bücher ihrer Bibliothek umfängt. Wohlig atmet Elisabeth das geliebte Parfum der Lehre tief ein. Der große, dunkle Raum heißt sie schon seit Jahren willkommen, in seiner Mitte ein übermächtiger Schreibtisch, der die alleinige Herrschaft aller Blickwinkel für sich beansprucht. Seine Diktatur wirkt so erdrückend, dass man ihn nicht verleugnen kann – wie der Tod mitten im Leben. Über dem schweren Eichengestell liegt ausgebreitet wie ein Leichentuch Elisabeths frisch gewaschener und gestärkter Kittel, den sie sogleich gegen den nassen, schweren Stoffmantel tauscht. Sie knöpft ihre weiße Uniform bis zum Hals zu und streicht den Stoff mit ihren langen Fingern liebevoll glatt. Es ist, als würde eine zweite, unschuldig strahlend weiße Rüstung sie gefangen halten. Elisabeth nimmt am Schreibtisch Platz, in ihrem Rücken die zwei kleinen Fenster Richtung Osten, die ihr hätten die Gnade einiger weniger Sonnenstrahlen prophezeien können. Mit der scharfen Klinge des Brieföffners setzt sie ruhig den Schnitt, welcher ihr 26 Zeilen offenbart. Darin acht Mal das Wort „Gnade“, vier Mal „zum Wohle aller“, sechs Mal „lebenswert“ und zwei Mal „viel geleistet“. Kanonenschläge, die Elisabeth wohlig mitten ins Herz treffen und im einmaligen Wort „Pionierin“ wie in einen Endsieg münden. Gleich drei Offizielle höchster Kreise hatten unterzeichnet. 26 Zeilen, die Elisabeth wie im Zwang wieder und wieder lesen muss: acht Mal „Gnade“, vier Mal „zum Wohle aller“, sechs Mal „lebenswert“, zwei Mal „viel geleistet“ und ein einziges Mal „Pionierin“. Sie hatte sich dem Kampf gestellt und gewonnen. Die Starken gewinnen, die Starken beherrschen, die Starken überleben. Ihr Blick schweift über die deckenhohen Bücherregale. Lehren von Pionieren. Elisabeth gehört nun zu ihnen. Sie reiht sich mit ihrer Forschung ein in die Unsterblichkeit ledergebundener Lehren mit Goldschnitt. 26 Zeilen: acht Mal „Gnade“, vier Mal „zum Wohle aller“, sechs Mal „lebenswert“, zwei Mal „viel geleistet“ und ein einziges Mal „Pionierin“. 26 Zeilen, die ihre „großen Verdienste“ in 162 Fällen beziffern. 162. Eine gerade Zahl, eine schöne Zahl, eine Zahl „zum Wohle aller“ hatte sie zur „Pionierin“ gemacht. Für 162 Unsterblichkeit. Elisabeth umfasst das eng um ihren Hals anliegende Amulett. Ihre warmen Finger berühren das kalte Metall. Gedankenverloren küsst sie hinein in einen leeren Raum. Ihre sinnlichen, zarten Lippen formen ein zufriedenes Lächeln. Ihr Vater wäre so stolz auf sie. Seine tiefe, beherrschende Stimme erstürmt den Raum: „Vergiss nie die Lehren, die ich dir beigebracht habe.“ Wie kann sie das? Sie sieht ihren Vater vor sich in seinem akkuraten, steifen braunen Anzug, der mit seinem raumgreifenden Ehrgeiz nicht seine Welt zu erobern vermochte und im eigenen Scheitern diese Aufgabe seinen Kindern befehligte. Doch zu seiner großen Enttäuschung waren diese keine tapferen Soldaten, sondern allesamt als Mädchen geraten. Elisabeth wusste früh um den Makel ihres Geschlechts. Während ihre Schwestern – ganz im Sinne von Elisabeths Mutter – versuchten durch Heirat das Ansehen der Familie zu mehren und so zumindest die häusliche Welt durch das Ideal der Mutterschaft beherrschten, versuchte Elisabeth durch überdurchschnittliche Leistungen, gepaart mit grenzenlosem Ehrgeiz, den Vater von ihrer Daseinsberechtigung zu überzeugen. Spätestens mit diesem Brief hatte sie nun selbst „Gnade“ erfahren. Zärtlich blickt sie erneut auf die 26 Zeilen. 162. „Weiter so!“ Sie spürt die schwere Hand des Vaters auf ihrer Schulter. „Weiter so!“ Zwei Wörter, acht Buchstaben, die vertraute dunkle Stimme. 163, 164, 165. Sie kann noch so viel mehr „zum Wohle aller“ leisten. Sie ist stark. 166, 167, 168. Grenzen gibt es keine, schließlich kommt es so vielen zugute, weit mehr als 162, 163, 164, 165, 166, 167, 168. Sie hatte ja schließlich einen Eid geschworen „zum Wohle aller“, die sie schützen muss, basierend auf der Lehre: Definitionen, Kategorien, Einordnungen, Klassifizierungen – ein Quartett mündet in ein Duett: Wohl und Gnade. Elisabeth tritt hinaus, wo sogleich die wehklagende Stimme einer Mutter wie Feindesfeuer zu ihr dringt. Elisabeth sieht die verzweifelte Frau an der Kanzel im Eingangsbereich, fast flehentlich kniend, die Hände zum Gebet gefaltet. In dem Moment, als sie Elisabeths Schritte auf dem Gang vernimmt, wendet sich das tränenüberströmte Gesicht abrupt Elisabeth zu. Wie ein Sturmtrupp mit neu erstarkter Hoffnung rennt die Frau auf Elisabeth zu. „Bitte helfen Sie meinem Kind. Was ist mit meinem Jungen? Bitte, ich flehe Sie an.“ Elisabeth lächelt die Frau ruhig an und streicht erneut sanft ihren weißen Kittel glatt. „Bitte beruhigen Sie sich. Ihr Junge wird in die Abteilung B verlegt, dort können wir ihm besser helfen.“ Dabei ist Elisabeths Stimme monoton von 162 Mal. „Aber was hat mein Michael denn? Ich möchte ihn doch so gerne wieder mit nach Hause nehmen.“ Mit diesen Worten brechen sich noch mehr Tränen Bahn, während die Hände sich im Gebet zu weißen Fäusten verkrampfen, machtlos gegen einen unfassbaren Feind. „Ich werde das Beste zum Wohle Ihres Kindes tun. Vertrauen Sie mir.“ Gehorsam nickt die Frau gleich mehrmals, als müsse sie sich vor allem selbst überzeugen. Endlich ist Schwester Margot zur Stelle und befreit Elisabeth aus dem Kampf an der Front, indem sie der Mutter den Weg hinaus aus der Klinik weist. Vier Mal „zum Wohle aller“. „Elisabeth, es ist zum Wohle aller.“ Die Stimme des Vaters trägt sie zurück in das duftende Stroh, in dem Elisabeth im roten Kleidchen hockt und liebevoll die acht kleinen Kitten streichelt, die es zu den Zitzen der Mutter zieht. Das kleinste, das Schwächste nahm Elisabeth in beide Hände. So warm fühlte sich das Tier an. Elisabeth gab der Kitte einen Kuss in ihr Fell, während die kleine Katze neugierig mit den langen Zöpfen Elisabeths zu spielen begann. Elisabeth sah, dass die kleine Katze anders war als die anderen. Sie war nicht nur die kleinste und schwächste, sie hatte auch ein missgebildetes Pfötchen, sodass sie kaum laufen konnte. Elisabeth wollte dem kleinen Bündel helfen und legte es direkt an die Zitzen der Mutter. In dem Moment griff die Hand des Vaters nach der kleinen Katze und ertränkte sie vor den Augen Elisabeths in einem Kübel braunen Regenwassers. Elisabeth protestierte, doch es ging zu schnell, sie war machtlos, und nun blickte sie fassungslos auf den Tod, der in der braunen Brühe schwamm. Was hatte der geliebte Vater getan? Tränen traten in Elisabeths Augen und hätte sie nicht so viel Angst vor dem Vater gehabt, sie hätte mehr getan als nur wütend gesagt: „Was hast du getan?“ Streng blickte der Vater auf Elisabeth hinab. „Elisabeth, das ist das Leben. Nur der Starke kann überleben. Allen anderen müssen wir Gnade gewähren. Gnade zum Wohle aller, aller, die stark genug sind zu überleben. Hast du das verstanden, Elisabeth?“ Damals konnte Elisabeth nur gehorsam nicken, inzwischen hatte sie die Lehre des Vaters durch ihre langen Studien von Definitionen, Kategorien, Einordnungen und Klassifizierungen verstanden. Mehr noch: Sie gaben ihr Sicherheit und Stärke – 162, 163, 164, 165, 166, 167, 168. „Bitte entschuldigen Sie, aber einige können wir wirklich nicht aufhalten.“ Dankbar lächelt Elisabeth Schwester Margot an, die sie zurückgeholt hat vom kleinen Mädchen zur Pionierin. „Ist schon gut, aber sagen Sie bitte Dr. Buchalik, ich möchte, dass er den Behandlungsplan B bei Michael Müller beschleunigt umsetzt. So ersparen wir uns weitere solcher Zwischenfälle bei unserer Arbeit.“ „Ja, natürlich, ich werde mich sogleich darum kümmern.“ Inzwischen ist Elisabeth an den großen weißen Schwingtüren des Saals der Abteilung A angekommen – ihrer Abteilung. Den Geruch von Kot und Urin, der schon weit zuvor zu riechen ist, nimmt Elisabeth nicht mehr wahr. Flehend öffnen sich die Türen und geben den Blick auf mehr als 50 weiße Gitterbetten frei, deren Insassen kaum zu sehen sind. Schwester Hildegard eilt an Elisabeths Seite und weist auf zwei Betten, die sie als Neuzugänge bezeichnet. Dabei bewaffnet sie sich sogleich mit zwei gestempelten Formblättern inklusive Durchschlag, die sie auf einem Klemmbrett aus Stahl befestigt. Elisabeth streicht noch einmal sicher den Kittel zu beiden Seiten ihrer Taille glatt, während sie an das erste Gitter herantritt. Der Blick des dort Liegenden kann sie nicht fixieren und starrt ins Leere. Speichel tritt unentwegt aus seinem offen stehenden Mund. Der verkrüppelte Arm hat sich in den Stäben des Bettes verfangen. Sogleich ruft Elisabeth die Definitionen, Kategorien, Einordnungen, Klassifizierungen ab. Das Quartett, welches im Duett zum Urteil spricht. „Notieren Sie, Schwester Margot: Keine erfolgreiche Behandlung möglich. Ich überweise an Dr. Buchalik, Abteilung B. Bitte vermerken Sie, dass ich eine zügige Behandlung wünsche. Zudem: Präparatgewinnung angefordert.“ Sie hat Gnade gewährt: Niemals lebensfähig. Niemals ein lebenswertes Leben – ein Leben so wie ihres. Noch einmal versichert sie sich ihrer weißen Uniform und wendet sich zum nächsten Käfig. 163. Sie erstarrt, als ein kleines Mädchen nackt vor ihr im Gitterbettchen stehend sie unschuldig anlächelt. „Bitte entschuldigen Sie vielmals, wir sind noch nicht dazugekommen, uns um diesen Neuzugang zu kümmern.“ Eng stehende Augen, hochgezogene Stirn. „Notieren Sie:“ Definitionen, Kategorien, Einordnungen, Klassifizierungen wollen gerade die Lehre bewaffnen, als das kleine Mädchen die feine braune Haarsträhne für einen Moment ergreift, die sich aus dem disziplinierten Dutt Elisabeths gelöst hat. Sanft, liebevoll und ganz warm – Elisabeth steht da mit ihren beiden Zöpfen und dem roten Kleid, riecht das frische Stroh und hört das Mauzen der kleinen Kitten. Sie spürt, wie Wut in ihr aufsteigt, krallt beide Hände um das kalte Gestell des Bettchens. „Frau Doktor, was soll ich denn nun notieren?“ Elisabeth spürt die schwere Hand des Vaters auf ihrer Schulter. Die Lehre. Nicht lebenswert. Definitionen, Kategorien, Einordnungen, Klassifizierungen, 164. Gnade. Elisabeth löst die verkrampften Hände vom Gitter, streicht entlang des weißen Baumwollstoffs und befestigt die Haarsträhne wieder im Dutt, wobei nur sie das feine Zittern ihrer Hände wahrnimmt, das sie ebenfalls durch eine Definition, Kategorie, Einordnung, Klassifizierung beschreiben kann. Ihre Angst erfüllt den Saal wie der Geruch von Kot und Urin. „Schreiben Sie: Abteilung B.“ 164.
Nachtrag:
Dr. Elisabeth Hecker leitete von 1942 bis 1945 die Abteilung A der jugendpsychiatrischen Klinik im heutigen Lubliniec. Sie erteilte Prognosen zur Arbeits- und Erziehungsfähigkeit behinderter Kinder und Jugendlicher. Ihre Überweisung zur Abteilung B – geleitet von Dr. Buchalik – bedeutete den Tod dieser Kinder und Jugendlichen im Rahmen der NS-Kindereuthanasie. Mindestens 186 Kinder und Jugendliche wurden umgebracht, die Leichname für Forschungszwecke seziert. Dr. Elisabeth Hecker setzte ihre Arbeit als Ärztin in der BRD fort. Sie galt als eine Pionierin der Kinder- und Jugendpsychiatrie und ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse.