Manfred Schwab Nächtliche Bahnfahrt nach Polen (Gedicht des Tages)

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Manfred Schwab

Nächtliche Bahnfahrt nach Polen
(für Krystyna Szlaga)

Die Verladung in Nürnberg klappt reibungslos
Mit dreihundert Leuten vollgestopft
Männern Frauen Kindern
verläßt der Sonderzug pünktlich
die Reichsparteitagsstadt

Irgendwann in der Nacht
werden die Pässe eingesammelt
irgendwann in der Nacht
Grenzen passiert
Neben mir der fremde Mann
röchelt und stöhnt im Schlaf
Die Kinder atmen ruhig
Irgendwann durchkämmen
Uniformierte den Zug

Fremde Ebenen im Morgengrauen
Getreidefelder Hüttenwerke
Moorteiche Birkenwälder
Fremde Bahnhöfe mit weitläufigen Gleisanlagen
Abgestellte Waggons in fremden Farben
Fremde Laute, fremde Signale

Irgendwann hält der Zug

Oswiecim steht
auf den Schildern: Auschwitz

Traumatische
Bilder t
ürmen sich im Kopf

Schuhberge,
Brillenberge, Berge von menschlichem Haar

Ein schneller
Blick auf die schlafenden Kinder

Aber wir werden
nicht auseinandergerissen

an der Verladerampe nicht aufgeteilt

in Mordopfer, noch brauchbare Arbeitssklaven

Der Zug rollt weiter nach Krakau
wo wir freundlich
empfangen werden
vom Stadtpräsidenten, der Eisenbahnerkapelle
von unseren Poetenfreunden umarmt

Glück gehabt, Kinder! Der Zug
hat 50 Jahre Versp
ätung...

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