„Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“ Rezension von Renate Maria Riehemann

 

 

„Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“

Rezension von Renate Maria Riehemann

Die 2026 im Geest-Verlag erschienenen Anthologie „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“, ist keine Wohlfühllektüre und doch legt man das Buch nicht aus der Hand, wird mit den ganz persönlichen Wahrnehmungen von vierzehn  Autoren eingebunden in eine verdichtete Bestandsanalyse von unserer Natur und Umwelt. Sieben Lyriker verschiedenen Geschlechts, Alters und beruflichen Hintergrunds setzen sich nicht zum ersten Mal gemeinsam mit dem Verhältnis Mensch-Natur auseinander. Ihre zumeist atmosphärisch dichten, wahrnehmungsnahen Zeilen, in der Sprache  mal sehr verknappt, mal bildhaft offen, mal konkret und schmucklos, oft nah an moderner Alltagserfahrung, sollen aufrütteln, zum Mit- und Nachdenken anregen, und einen Beitrag leisten gegen die Zerstörung unserer Lebenswelt und damit der Lebensgrundlage von Menschen, Tieren und Pflanzen.  Die Autoren benennen das zentrale Problem unserer Zeit, die gesellschaftliche und ganz individuelle Verantwortung für das Leben auf der Erde, auch für die uns nachfolgenden Generationen. Um die Bandbreite der Wahrnehmungen um junge Stimmen zu erweitern, haben die sieben Lyriker der festen Gruppe für dieses Projekt jeweils einen Partner außerhalb der Gruppe zum dichterischen Dialog eingeladen.  Beim lesenden Begleiten dieses in zumeist reimlosen Versen gestalteten, aufeinander bezogenen  Gedankenaustausches  wird der Leser mitgenommen, fühlt sich mit den eigenen Ängsten und Sorgen eingebunden und verstanden. Manch einer vielleicht sogar zum Umdenken angeregt.

Der 190 Seiten starke Band startet mit zwölf Gedichten von Sigune Schnabel, die mit Namen von als ausgestorben geltenden Pflanzen und Tieren betitelt sind.  Im ersten Gedicht „Silphium“, einer afrikanischen Heilpflanze, die wegen Übernutzung ausgestorben ist, heißt es gleich zu Beginn: „Mich selbst kann ich nicht heilen. / Meine Wurzeln wachsen bereits /  ins Grab.“ ( V. 1f). In sehr bildhafter und bedeutungsschwerer Sprache gibt die Dichterin der Erde, den Tieren und Pflanzen eine eigene Stimme.

Im anschließenden Dialog mit Philipp Létranger  werden in acht Gedichten, je vier pro Autor,  das Schmelzen der Gletscher, die Zerstörung der Erde, Dürren sowie die Entfremdung von der Natur thematisiert. Wunderbar, wie sich die Gedichte beider Autoren sowohl in den Bedeutungen als auch durch Übernahme zentraler Worte und Inhalte aufeinander beziehen und durch die leise, konkretere Sprache Philipp Létrangers ergänzen. Auf seine letzten Verse im  Gedicht „horizonte“, „gestern habe ich begonnen / die stille zu befragen / es ist schwer zu ertragen / was sie erzählt“  (V. 10f), antwortet Sigune Schnabel in “Entfremdung“  mit den Zeilen „Die Erde ist aus Sprache, / aus Licht. / Schon vor der Geburt wurde ich / in Welt verpackt.“  (V. 1f).

Arthur Nickel korrespondiert  mit Eda Muslabas. Seine sprachlich sehr knappen Gedichte ohne titel benennen durchaus hoffnungsvoll konkrete Situationen, so „frühlings / boten / kommen an/ … / meine blumen / wiese / rebelliert“ (S. 43 V. 1f, 9f). Im Dialog antwortet Eda Muslabas, beklagt die Entfremdung von der Natur, beschreibt ihre Liebe zur Erde, begreift sie als geschundenes Wesen und die Menschen als Bewohner, die wieder und wieder das Versprechen brechen, sie zu schützen. Im Gedicht „Was werden wir sagen?“ fragt sie: „Kein Vogelzug mehr, der Himmel still? / Keine Insekten auf Windschutzscheiben, / weil es keine mehr gibt?“ (V. 8f).

Den Klimawandel und dessen Verharmlosung, Ignoranz und  haltlose Vorsätze, das Aussterben der Tierarten reflektieren die Gedichte von Holger Küls und Amanda Wurm klar, in knapper und konkreter Sprache. So schreibt Holger Küls in seinem Gedicht  „Gartenrotschwanz“: „Wir sehen dem Verschwinden zu. / Gedankenlos.“ (V. 7f) und Amanda Wurm antwortet in ihrem Gedicht „Wie weit“: „und weiter sinken wir / in unsere Gehirne / in unsere sofas / und speisen Fake-Fairtrade / vor Tierfilmdoku“ (V. 5f). 

Hans-Hermann Mahnken beschreibt in sehr konkreten Situationen die Diskrepanz zwischen den Erfordernissen der Natur und dem Verhalten der Menschen. So im Gedicht „An den Sommer“: „Die Wälder brennen / … / und in den Terminals Touristen, / Glücksjäger warten auf Starterlaubnis.“ (V. 9f). Einfühlsam und metaphernreich antwortet Ulrike Marie Hille im titellosen Gedicht Seite 98: „aber jetzt / leben wir auf ein morgen / auf messermanns klinge“ (V. 14f).

Auf Dürre, Gier und Macht, Sprachlosigkeit und Ignoranz verweisen die schmucklos verdichteten, nah am Alltagsgeschehen verorteten  Bilder der Gedichte von Thomas Bartsch, in denen schroffe Ironie als persönliche Bewältigungsstrategie anklingt. „Das ewige Eis / Zieht sich schneller zurück / Als die Ignoranz bröckelt / Und die Einsicht reift“ sind die treffenden Verse des Kurzgedichts „Gletscherschmelze“. Mehr braucht es nicht. Thomas Bartsch hat die junge Dichterin Anna Hackstedt als Dialogpartnerin eingeladen. Aus ihrem ebenfalls nur vierzeiligen Gedicht „Todesstoß“ ist der Titel dieser Anthologie entnommen, die nicht genügend gewürdigt werden kann. „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt, / ist endlich klar: / Wir haben den Absprung / verpasst.“

In sehr persönlich gehaltenen, bildreichen und titellosen Gedichten zeigt Rieke Simon ihre innere Sicht auf die zentralen Probleme unserer Zeit: „wir schieben unser zuhause / ins feuer und / freuen uns / über licht“ (S. 131). Im Dialog antwortet Thalia-Anna Hampf mit lyrischer Prosa, erzählt von Sehnsucht nach Erdung mit und in der Natur und von der Entwurzelung der Menschen.

Den dialogischen Abschluss dieses Bandes bilden Frank Maria Fischer und Miriam Bornewasser.  Mit sechs lyrischen Sequenzen zum Thema „Verweigerung des Artensterbens“ startet Frank Maria Fischer, erzählt von mystischen Wesen, Pferdemenschen, die die Menschen im Angesicht des Todes durch Feuersbrunst in ihre Schranken, in ihr Verderben weisen. „Die Natur des Menschen ist es / Brandstifter zu sein“ (VI, V.4). Miriam Bornewasser antwortet in sehr reduzierter Sprache im Gedicht „Unter uns“  mit: „wir kennen nicht / sie / die tiefen / Enden / dieser Welt“ (V. 4f).

Insgesamt überzeugt die Anthologie „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“ durch die sorgfältige Auswahl der Gedichte, die gelungene Zusammenstellung in Form der Dialoge und die unterschiedlichen thematischen Herangehensweisen der Dichter, die nicht nur durch den je eigenen Stil, den je eigenen ökologisch-philosophischen Ansatz, sondern sicher auch durch die Generationsdiversität  der Dichter bedingt ist. Die gelungene Zusammenstellung unterschiedlicher Stimmen bietet ohne Zeigefingerpädagogik sowohl erfahrenen Lyriklesern als auch Einsteigern, jungen sowie älteren Menschen,  anregende Leseerfahrungen zum Mit- und Nachdenken über unseren Umgang mit der Natur.

 

Wenn selbst der Plastikbaum stirbt

Hg. Alfred Büngen

Geest-Verlag, Visbek 2026

ISBN 978-3-69064-561-4

190 Seiten

14,50 €