Amelie Ponick - Wenn die Stille eine Person wäre!

Amelie Ponick, 18 Jahre, Berlin

Wenn die Stille eine Person wäre!

 

Wenn die Stille eine Person wäre, würde ich mir einen Presslufthammer kaufen

und mich während des nächsten Lockdowns mit seinen ra‑ra‑ratternden Klängen besaufen.

Wenn die Stille eine Person wäre, würde ich eine einstweilige Verfügung gegen sie erheben,

sodass sie sich nachts nicht mehr in mein Zimmer schleichen kann, um mich zu zwingen, den einsamen Widerhall des Alltags zu erleben.

 

Wenn die Stille eine Person wäre, wäre sie ein gemeiner Dieb, der nicht nur dein Geld beim verzweifelten Corona-Online­shopping stiehlt,

sondern schließlich auch dein kostbarstes Gut, deine Zeit, deine Jugend, dein Auslandsjahr, als Opfer wählt.

Wenn die Stille eine Person wäre, wäre sie ein Verräter, einer von der ganz schlimmen Sorte,

der dich allein im Lockdown bei einer fremden Familie lässt, während er die Welt bereist, zu den verschiedensten Orten.

 

Wenn die Stille eine Person wäre, wäre sie keine schöne Person,

mit fettigen Haaren, einem Eierkopf und platter Nase wäre selbst eine Schönheits-OP keine Option.

Wenn die Stille eine Person wäre, würde ich womöglich aufgrund verschiedener Mordversuche im Gefängnis landen,

denn ich habe so oft versucht, die Stille auszumerzen und kam jedes Mal in der Zukunft, dem Ort jenseits vom Hier und Jetzt abhanden.

 

 

 

Wenn die Stille eine Person wäre, würde sie mich womöglich irgendwann zur Beziehungstherapie schleifen,

und man müsste mich wahrscheinlich zur Sicherheit an das Sofa ketten, sonst würde ich sie nach einiger Zeit wieder angreifen.

Denn wenn die Stille eine Person wäre, würde ich, in dem Raum des Therapeuten angekommen,

erklären, wie ich als Kind in allem ein neues Abenteuer, neue Klänge des Lebens fand und es mir so gelang, der Stille zu entkommen.

 

Wenn die Stille eine Person wäre, würde ich anschließend von unserer brisanten Beziehung erzählen

und damit womöglich selbst die Stille fürchterlich quälen.

Denn ich würde sie fragen: Wieso? Wieso kamst du genau dann, als ich die Zeit meines Lebens hatte,

wieso hülltest du mich ein in deine Pandemiewatte?

Wieso hast du mir die Auslandserfahrung nicht gelassen?

Wieso zwangst du mich dazu, mich genau in dieser wilden Jugendzeit mit mir selbst zu befassen?

Sag es mir! Wieso?

 

Das hätte ich die Stille gefragt, wenn die Stille eine Person wäre.

Doch wenn die Stille jetzt eine Person wäre, wüsste ich, dass weder Antworten noch Fragen eine Rolle spielen.

Denn wenn die Stille eine Person wäre, würde ich endlich erkennen, dass sie genauso aussieht wie ich,

denn sie trägt den Spiegel zu meinem Inneren, und so würde ich begreifen: „Die Stille ist eigentlich gar nicht so fürch­terlich.“

Sie reflektiert lediglich meine Gedanken und die Angst, die ich verspüre – es ist nicht ihre Schuld,

dass Menschen sie meiden, ja, es ist schwer, nach und nach seine Ängste zu bezwingen, denn dafür bedarf es Geduld.

 

Wenn die Stille eine Person wäre, wäre sie mein weises Vorbild, das mich das Wichtigste lehrt,

nämlich, dass Worte nie und nimmer das Gefühl beschrei­ben können, wenn man ihn erkennt, seinen Wert.

Wenn man die Stille in prächtigen Atemzügen genießt und das Hier und Jetzt wahrnimmt,

dann verstummt das Echo der Zukunfts-Irgendwanns und Vergangenheits-Wenn-ich-doch-nurs, bis alle Selbstscheu zerrinnt.

 

Wenn die Stille eine Person wäre, würden wir vielleicht dank ihr begreifen, was Friede bedeutet,

wenn jeder sich selbst in der Stille sieht und wir aufhören, durch die Angst unser Leben zu leugnen,

das Leben so voller fröhlichem Licht und farbiger Melodie, das wir erst durch die Stille zu schätzen wissen,

denn sie hält uns nach dem berauschenden Sturm einer erfolgreichen Nacht wie ein weiches Daunenkissen.

 

Wenn die Stille eine Person wäre, würde sie mir sagen:

„Hör auf, dich in Hoffnungen der Zukunft zu verstecken und das Wichtigste unter Angstschlack und Trauermatsch zu vergraben.

Du kannst jederzeit aus dem Sumpf deiner verpassten Mög­lichkeiten und zukünftigem Corona-Abi treten

und ihn mit offenen Armen empfangen – den Moment, der dich durchs Leben geleitet,

genauso wie ich – die Stille – die Person bin, die dich auf dem Weg zur Selbstliebe begleitet.“

 

Wenn die Stille eine Person wäre, würde sie wollen, dass wir sie akzeptieren,

denn sie möchte mit ihrem Wesen nur an unser Inneres appellieren,

das Innere, das hier und jetzt mit all seinen Sinnen das Leben fühlt,

das Innere, das selbst die Wunden all unserer Fehler kühlt,

das Innere, einzigartig und rein, bekommt man, standhaft wie ein Stein,

selbst nach der nächsten Pandemiewelle nicht klein.

 

Ja, wenn die Stille eine Person wäre, wären wir nie wieder allein.