Angela Schwarz, Human

Angela Schwarz, Sendenhorst

Human

(inspiriert durch Eugen Roth)

 

 

Ein Mensch, der zwar die Gründe kannte,

weshalb man Alte in die Isolation verbannte

allein zu ihrem eig‘nen Schutze

– hoffentlich nicht in ihrem Schmutze –,

hatte von den vielen Regeln genug

und entschied sich bewusst für ‘nen kleinen Betrug.

Natürlich wollt‘ er nicht der Schuldige sein,

der womöglich bringt das Virus herein,

das tückisch mordet die Alten und Schwachen.

Er leugnet es nicht, kann auch nicht d‘rüber lachen.

Doch ebenso schwer wiegt die Einsamkeit,

für den Einzelnen ist das keine Kleinigkeit.

Ihr Gewicht drückt Ömchens Schultern nieder.

Der Mensch fragt sich: Seh‘ ich sie je wieder?

Oder stirbt sie derweil einen anderen Tod?

Wie geht‘s ihr überhaupt? Ist sie in Not?

Für Skype und Zoom und all‘ so‘n Kram

sind ihre grauen Zellchen schon zu lahm.

Aber ein Gespräch, ein Lächeln oder eine Berührung

geben ihr jedes Mal schönen neuen Schwung.

Das fehlt nun seit Wochen, wird schmerzlichst vermisst

und führt vielleicht dazu, dass sie ihn völlig vergisst.

Er fasst sich ein Herz und traut sich am Abend

im Schutz der Dämmerung, an der Vorfreude sich

labend:

so klettert der Mensch mutig die Leiter hinauf,

schräg ans Fenster gestellt – er klopft an, sie macht auf.

Große Freude erfasst ihren Körper und Geist,

strahlt aus ihrem Gesicht.

Alle Pillen, Tröpfchen und Salben der Welt

vermögen so etwas nicht.

Die Ängste und Zweifel fallen sofort von ihm ab,

der Regelbruch hielt zuvor sein Gewissen auf Trab.

Doch die Kraft, die Omi schöpft aus seinem

illegalen Besuch,

bekommt sie sonst nirgends her, auch aus keinem Buch.

So entwickelt sich sein Fensterln während

der Pandemie

zum wöchentlichen Ritual.

Der Mensch schämt sich dafür nie,

denn er handelt schlicht human.