Emma Lüers - Wenn die Welt beginnt zu schlafen

Wenn die Welt beginnt zu schlafen



Die Schmetterlinge fragen es schließlich, ob sie ihm die Haare flechten dürfen, und das Skelett nickt freundlich, setzt sich im Grab auf. Der Totengräber hat gelächelt, seine Schaufel aufgehoben und sich in einem höflichen Abstand zwischen die Blumenbüsche niedergelassen, die er eigentlich noch einpflanzen musste. Er hat seine langen Beine ineinander verschränkt und sich gewünscht, dass er jetzt noch Tee trinken könnte. Aber seine Tasse ist ihm heute Morgen kaputt gefallen und er hat sie eben noch begraben müssen.
Eine einzelne Blüte kitzelt ihn jetzt. Mit zwei Fingern kratzt er danach in den rosa Haaren, hinterm Ohr und entschuldigt sich, als er die weiße Blüte zu fassen bekommt. Beinahe hätte er die wenigen Blütenblätter in seinen großen Händen zerknittert. Ein Wind fährt durch seinen Garten und wirbelt seine lockere Leinenkutte auf, als er vorschichtig ein paar Zentimeter zur Seite rückt, um dem in weißen Blüten ertrinkenden Busch seinen Raum zu lassen. Er kuschelt sich etwas mehr in den Buchsbaum in seinem Rücken. Sein Blick arbeitet sich durch den Gräbergarten, spielt mit den Blumen im Licht und betrachtet schließlich das noch offene Grab. Warm ist es noch, für einen September, aber der Nachmittag blendet ihn schon mit einer tief stehenden Sonne. Zufrieden schließt er die Augen, fühlt seine kleine Welt leben und jeden Sonnenstrahl auf ihm. Fühlt so viel, dass der leichte Flügelschlag der Schmetterlinge nicht unbemerkt bleibt, als sie nach einiger Zeit aus dem Grab steigen. Er winkt ihnen hinterher.
In einer langen Bewegung steht er dann irgendwann auf, greift den Duft aus den Blüten heraus und lächelt. Geht wieder an die Arbeit. Das Skelett verschwindet bald ganz in der Erde, wird bepflanzt, während eine gesummte Melodie über die anderen Grabsteine fliegt. Dann klopft der Totengräber seine Hände sauber, greift nach Gießkanne und Schaufel und Stab. Macht sich auf den Weg zum Schuppen, den er mit einem Freund zusammengebaut hat.
Schließlich lässt er das kleine Metalltürchen des Zauns zum Garten zufallen und im leisen Wind weiterknarzen. Als er den kurzen Kiesweg zur Haustür hinter sich bringt, beobachtet er, wie sich die Gänseblümchen schließen. Er zieht die Gummistiefel schon vor der Tür aus, und als er eintritt und einen Gruß in die WG ruft, schallt es ihm in einem wilden, fünfstimmigen Kanon zurück.
 

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