Franka Feldhaus - Giftgrünes Gefieder

Franka Feldhaus, Visbek

Giftgrünes Gefieder

 

Sie bringt mich zum Lächeln und näht meine Lippen mit festen Stichen zusammen.

Ich wische mir eine Träne von der Wange und sage ihr, dass ich sie liebe, während ich ihr Todesflüche auf den Arm male.

Ihre Blicke liegen vollends konzentriert auf meinen Lippen, während ich nicht mal einen klaren Gedanken fassen kann.

Ich spüre, wie sie mir mit jedem Fadenstich ein Wort mehr nimmt, das ich meinem Hausengel gern gesagt hätte.

Er steht im Türrahmen, beobachtet uns und hält ein Schild mit der Aufschrift ‚Exit‘ in der Hand. Ich möchte aufstehen und zu ihm gehen, aber sie drückt meinen Kopf mit ihrer linken Hand herunter und näht mit der rechten ruhig weiter.

Ich frage mich, ganz still und leise, was mich hier hält, warum bleibe ich hier, obwohl sie hier ist und mir mit einer eisernen Nadel die Lippen zu einem Boot aus Fleisch und Blut zusammennäht.

Ich schaue ihr tief in die Augen, sie zurück in meine. Ich hatte gehofft, einen Anflug von Reue in ihren zu sehen, stattdessen sehe ich nur tiefe Schwärze.

Ein kleiner Vogel sitzt auf meiner Schulter, ein Tropfen Blut fällt von meinem Mund auf sein giftgrünes Gefieder.

Aber das scheint ihn nicht sonderlich zu stören. Er scheint generell nicht viel von seiner Umwelt mitzubekommen, aber das ist nur eine alberne Vermutung. Vielleicht nimmt er auch viel mehr wahr als alle Menschen auf der Welt zusammen.

Ein weiterer Stich durchzuckt mich.

Es tut weh und brennt. Sie sieht das und seufzt.

Wahrscheinlich ist sie enttäuscht, dass ich so wenig Schmerz nicht aushalte.

Ich bin auch enttäuscht. Das Blut schmeckt bitter und nach noch bitterer Hoffnung.

Aber es ist doch nicht meine Schuld, wenn sie einen so dicken Faden verwendet. Sie scheint das zu verstehen, da sie heftig nickt.

Ich lächle, ich liebe sie.

Sie ist fertig, schneidet den Faden ab und macht einen festen Knoten. Der ganze Prozess tut höllisch weh, aber ich versuche, tapfer zu bleiben. Und schaffe es auch.

Sie lächelt.

Außenstehende würden dieses Lächeln als boshaft oder spöttisch bezeichnen, aber ich finde es schön. Sie ist schön, auch wenn sie gerade mit schnellen und geübten Handbewegungen eine blutige Nadel in ein weiches Tuch wickelt und dabei eine leise Melodie summt, die menschliche Worte nicht beschreiben können.

Ich versuche mich daran zu erinnern, wie die anderen Menschen auf dieser Erde solch ein Wesen wie sie nennen. Aber ich schaffe es nicht, mich zu erinnern.

Ihre Arbeit ist beendet.

Jetzt sitzen wir uns beide schweigend gegenüber. Mein Herz pocht laut und schnell. Ich glaube, sie kann es hören. Sie lächelt immer noch.

Ich frage mich, was jetzt passieren wird.

Sie lehnt sich vor und küsst meine Stirn. Es ist ein weicher Kuss, der nach erdiger Erwartung riecht.

Ich brauche mehr davon. Aber sie schüttelt den Kopf und lehnt sich zurück.

Da fällt es mir wieder ein, der Hausengel. Er steht immer noch da, auf seinem Schild steht jetzt ‚Love‘. Er ist noch nicht gut mit Worten, aber ich mag ihn trotzdem.

Der Vogel auf meiner Schulter ist eingeschlafen.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe, dass der Himmel sich rot gefärbt hat.

Kein aggressives Rot, eher ein gemütliches Rot.

Jemand ruft meinen Namen und dass es Essen gibt.

Sie schaut mich an und ich weiß, dass ich hierbleiben möchte.

Bei ihr.

Aber ich weiß auch, dass das jetzt nicht geht.

Und es ärgert mich, aber gleichzeitig bin ich auch froh.

Ich brauche eine Pause von diesem süß schmerzerfüllten Raum, wenn auch nicht für lange.

Ich spüre etwas Warmes und sehe, dass sie meine Hand genommen hat.

Ich werde immer wieder zu ihr zurückkehren. Endlich haben wir uns richtig kennengelernt.

Ich mag sie.

Und da erinnere ich mich.

Ihr Name ist Stille.

Ich liebe Stille.