Helga Bürster - Der Bus kommt nicht
Helga Bürster
Der Bus kommt nicht
Die Bank, auf der ich sitze, gehört zur Bushaltestelle, die keine mehr ist. Dahinter liegt der Friedhof. So hat alles seine Ordnung. Der Fahrplan hängt noch. Alles sieht aus, wie im-mer. Nur die rote Hand ist neu. Der Bürgermeister hat sie uns geschenkt, als Ersatz für den Bus. Der hat sich nicht ge-lohnt für zwei alte Weiber und hin und wieder ein paar Teenager ohne Führerschein. Wir sehen es ein, dass es so besser ist. Dem Steuerzahler wollen wir nicht auf der Tasche liegen und die Gemeinde hat uns schließlich nicht allein gelassen.
Die rote Hand ist ein lustiges Ding. Wir dürfen sie, so oft wir wollen, in die dafür vorgesehene Halterung stecken, dann winkt sie den Vorbeifahrenden zu. Es ist ein bisschen wie trampen, nur komfortabler. Alle freuen sich, weil es so lustig aussieht. Manchmal winkt sogar jemand zurück. Ich sage dann zu Teresa: „Siehst du? So freundlich sind die Leute. Was wollen wir mehr?“
Teresa ist meine Nachbarin. Wir kennen uns schon seit der Schule. Wir sind quasi nebeneinander alt geworden und wenn man erst einmal so weit ist, werden die kleinen Dinge wichtig. Ein Lächeln, ein Gruß, ein nettes Wort und die Zuversicht, dass alles schon seinen tieferen Sinn hat. Darüber rede ich mit Teresa, während wir warten. Seit drei Wochen hört sie mir nun schon zu. So lange sitze ich hier und trampe.
Ich hatte einen Arzttermin in der Stadt, auf den ich ein halbes Jahr gewartet habe, aber ich habe den Termin verpasst. An der roten Hand hat es nicht gelegen, die hat ihr Bestes gegeben. Nun warte ich hier, weil in der Praxis nie-mand ans Telefon geht, aber ich brauche einen neuen Ter-min.
Teresa wartet länger. Sie hat schlechte Augen und brauch-te eine neue Brille, aber das Rezept ist im Regen weich geworden und zerfallen. Wir haben auch darüber geredet und sind zu dem Schluss gekommen, dass es für etwas gut sein muss. Das Leben hat so viel mehr zu bieten, als gute Augen und alles mit ansehen zu müssen. Manchmal ist es besser, sich die Dinge nur zu vorstellen, zum Beispiel, dass uns je-mand mitnimmt oder: Wie die rote Hand so schön winkt. Ich erkenne mittlerweile an der Art, wie sie sich bewegt, ob das Wetter umschlägt oder ein Gewitter aufzieht. Das alles erzähle ich Teresa. Allerdings hört sie auch immer schlechter, aber sie trägt es mit Geduld.
Einmal hat tatsächlich jemand angehalten, es war ein Reporter vom Lokalblatt. Er meinte, er sei nun schon so oft an uns vorbeigefahren und die rote Hand winke so fröhlich. Da sei ihm die Idee zu einem Artikel gekommen, Titel: Zwei alte Damen und die rote Hand. Es solle ein schöner Artikel werden, nicht immer nur Probleme, Probleme, Probleme. Wir waren voll und ganz seiner Meinung, nur mitnehmen konnte er uns nicht. Termine, Termine, Termine. Er hat uns die Zeitung später gebracht. Der Artikel war wirklich schön geschrieben. Dass wir im Hier und Jetzt leben und dass wir beide aus dem Dorfbild nicht mehr wegzudenken seien. Echte Originale eben. Das Foto ist auch schön geworden, sieht man von Teresas wehenden Haaren ab. Sie kämmt sich nicht mehr. Überhaupt lässt sie sich ein bisschen gehen.
Heute habe ich Kaffee und Kuchen dabei. Teresa ist mager geworden, ich sehe sowas. Ich sage. „Moin“ und „Na, wo geiht di dat hüüde?“ Sie mag es, wenn ich sie auf Plattdeutsch anspreche und lächelt. Ich drücke ihr einen Becher Kaffee in die kalten Hände. Wir schweigen und hängen un-seren Gedanken nach, wie das war, damals, als der Bus noch fuhr und wir noch öfter in die Stadt gefahren sind, manch-mal nur so zum Vergnügen, das darf man heute keinem mehr erzählen. Eines Tages saß einer dieser gefürchteten Fahrgastzähler in unserem Bus und da schwante uns schon, dass es bald vorbei sein würde mit der ganzen Herrlichkeit. Aber wir wollen nicht undankbar sein. Wir hatten eine gute Zeit und wir waren in der Zeitung. Seitdem grüßen die Leute noch freundlicher.
Ich trinke einen Schluck. Die rote Hand zeigt steil nach oben, es ist windstill. Auf Teresas Kopf sitzt ein Rotkehlchen. Es lässt sich nicht stören. Teresa hält ganz still. Ich glaube, sie mag es. Der Kaffee in ihren knochigen Händen ist mittlerweile kalt geworden. Ich schütte ihn weg und gieße nach. Das Rotkehlchen zupft an ihren Haaren. Auf dem Friedhof hinter uns blüht der Efeu. Alles ist gut, wie es ist. Man muss nur zum Sterben bereit sein.