Holger Küls mit Rezenion über Sigune Schnabel / Philipp Létranger: wie buchstabiert man stille
Sigune Schnabel / Philipp Létranger, wie buchstabiert man stille – ein lyrischer Dialog, Geest-Verlag 2026, Coverbild: Emma van Beek
wie buchstabiert man stille – ein Dialog in Versen
Sigune Schnabel und Philipp Létranger haben im Geest-Verlag einen besonderen Band vorgelegt. Es ist keine Sammlung zweier Stimmen nebeneinander, sondern ein echter Dialog. Ein kurzer einführender Auftakt, Poetische Gespräche – eine Zuwendung, eröffnet den Band; ihm folgen sechzehn thematische Dialoge. In ihnen antworten die Gedichte einander, greifen Bilder auf, widersprechen sich leise. Jedes neue Gedicht ist eine Antwort auf das vorige. Man liest sie als Gespräch, und das trägt durch das ganze Buch.
Die beiden Stimmen sind sehr verschieden, und das ist der Reiz. Sigune Schnabel schreibt in klaren, bildstarken Versen, mitunter ins Rätselhafte spielend. Ihr Ton ist getragen und eindringlich, manchmal fast schwer. Philipp Létranger setzt dem etwas Leiseres entgegen: zurückhaltend, klein geschrieben, ohne Satzzeichen, offen und tastend. Beide Arten ergänzen sich, statt sich zu stören – und gerade die Spannung zwischen dem Eindringlichen und dem Verhaltenen macht den Dialog lebendig.
Das verbindende Thema steht schon im Titel: die Stille, das Schweigen, die Frage, wie man das Unsagbare in Sprache bringt. Daneben kehren dieselben Motive wieder – Winter und Schnee, die Jahreszeiten, Erinnerung und Vergessen, Nähe und Ferne. Oft geht es um die Sprache selbst und ihren Ungehorsam. Schnabel findet dafür ein gutes Bild: Sprache sei „ein Stein, den ich auf Dinge lege“ – einer, der nichts festhält, sondern alles nur ins Rollen bringt.
Beide gehen achtsam mit Worten um, keiner trägt zu dick auf. Mit wenigen, genauen Bildern lassen sie Raum für eigene Deutung. Bei Létranger klingt das so: „nur die wolken erinnern / an deine stimme“ – mehr braucht es nicht, um Verlust und Sehnsucht zu fassen. Und für das Hauptthema des Bandes findet er die schönste Formel: „so wie worte erst sichtbar werden / durch das schweigen ringsum“.
Auch ein politischer Ton fehlt nicht. Wo Europa anklingt oder vom Niedergang die Rede ist, drängt er sich nie auf. Er bleibt Teil des leisen Gesprächs.
Schön ist auch die Ausstattung. Das Coverbild von Emma van Beek nimmt die zurückhaltende, stille Stimmung des Bandes auf.
Insgesamt ein stimmiger, sorgfältig gebauter Band. Nachdenklich, ohne zu erdrücken. Die Idee des Dialogs ist hier kein Etikett, sondern wird wirklich eingelöst. Ein Buch, das man nicht rasch durchblättert, sondern langsam liest, hin und her – und gern noch einmal zur Hand nimmt.
Holger Küls
Verden, 18.06.2026