Katharina Körting - Augsburg, Scheitern auf ganzer Linie Ein etwas anderer Lesungsbericht

Augsburg, Scheitern auf ganzer Linie

Ein etwas anderer Lesungsbericht

 

Im Fronhof hängt eine Laterne schief

Wer ist denn dagegen gefahren?

Die Luft steht still, meine Lesung fällt aus

„Das Wetter“, sagt die Pressefrau, „es ist zu gut“

Doch ich bin schon im Zug

auf dem Weg in die Stadt, in der Brechts Mutter ihren Sohn gebar

 

Hier steht sein Geburtshaus, ich schau es mir an

Sieben Monate war er darin daheim

Am 4. Juli 1956, kurz vor seinem Tod

hat er von der BRD eine Volksbefragung geordert:

„Wollt Ihr wirklich den ersten Schritt tun,

den ersten Schritt in den Krieg?“, fragte Brecht

Am 7. Juli beschloss der Bundestag die Wehrpflicht –

mit der Kirche, aber ohne Volk

Seitdem ist Gewalt wieder patriotisch

Damals murrte das Volk leiser als die Künstler

Heute ist es umgekehrt

 

In Augsburg fahren schmale Straßenbahnen durch enge Kopfsteinpflastergassen

Der Totalzerstörung entging die Stadt

weil sie sich mutig kurz vor Schluss kampflos ergab

Eine Tafel erinnert daran

Die US-Armee marschierte friedlich ein

(Brecht war nicht dabei, er schrieb im Exil)

 

Heute will der US-Präsident davon nichts mehr wissen

Er zieht Truppen ab, zur Strafe

für unsere Mündigkeit

Wir rüsten jetzt ohne die Amis auf

Vielleicht sogar gegen sie

Wir rüsten und rüsten und reden uns ein

es sei für den Frieden

als könne eine Demokratie

nur gerechte Kriege führen und mit genügend Militär

die ungerechten verhindern

obwohl nicht nur die USA

immer wieder das Gegenteil beweisen

 

Wir Deutschen wollen vergessen

wer wir waren und dass das Böse

in jedem lauert, in jeder Kugel

und jedem Lauf

in jedem Gerede von „Feinden“ und „Lumpenpazifisten“

Wir wollen endlich zu den Guten gehören

bewaffnet bis an die Zähne

Schon das Wort „Frieden“ gerät unter Sabotageverdacht

Gute müssen stark sein, heißt es

Jeder Hollywoodfilm beweist es

Auch die Kirche rüstet wieder auf

Räsonniert staatstragend von „Sicherheitspolitik“

Nächstenliebe wird zur Gewaltverteidigung umgedeutet

und wenn man sich eh schuldig mache

finden die wehrhaften Protestanten

dann doch lieber mit der Waffe in der Hand

Jesus ist so tot wie seine Feindesliebe

 

Ich zweifle und warte

Lang kann’s nicht mehr dauern, dass neue Wehrpflicht zugreift

mit neuem Leid

Der Zweifel macht einsamer

als eine Lesung im Brechthaus

zu der keiner kommt

„Tut mir leid“, sagt die Kassiererin

„Mir auch“, sage ich.

 

Katharina Körting