Maria Buchtijarova - Glück

Maria Buchtijarova
Glück 

Ja, Papa, du hattest recht mit dem Meinungsstreit, den wir vor langer Zeit hatten. Glück hat wirklich nichts mit der Größe deines Bankkontos, der Marke deines Autos oder der Größe der Diamanten an deinen Ohren zu tun. Glück hängt überhaupt nicht von den äußeren Umständen ab. Ich habe deine Worte nicht sofort verstanden: „Glück ist kein Geschenk des Schicksals, sondern eine Charaktereigenschaft.“ Ich denke oft an einen bestimmten Tag. Einen Tag des absoluten, unglaublichen Glücks. Erinnerst du dich?
... Der Krieg dauert seit einer Woche an und unser Charkiw wird mit einer gewissen Grausamkeit bombardiert. Flugzeuge fliegen eines nach dem anderen und werfen 500-Kilogramm-Bomben auf Häuser, Universitäten, Schulen, Theater und Krankenhäuser. Eine solche Bombe zerstört ein 10-stöckiges Gebäude in einer Sekunde. Es scheint, dass unsere brutalen Nachbarn die Stadt mit allen möglichen Waffen bombardieren. Russland ist nur 30 Kilometer entfernt, sodass der Alarm nicht vor, sondern nach den Explosionen ausgelöst wird. Verkehrsmittel, Apotheken, Geschäfte und Betriebe sind geschlossen. Es gibt kein Benzin, und die Menschen, die versuchen, die Stadt zu verlassen, laufen durch U-Bahn-Tunnel zum Bahnhof. Und sie bombardieren, bombardieren Tag und Nacht. Wir wohnen im Stadtzentrum, und unser Haus ist von Explosionen nur so erfüllt.  Es ist unerträglich laut und sehr beängstigend. 
In den ersten Tagen hält meine Mutter durch, ruft Kollegen und Freunde an, beruhigt jemanden, unterstützt andere. Aber plötzlich, nach einem besonders nahen und lauten Beschuss, bricht sie zusammen, weint, gerät in Panik.  Und du rufst irgendwo an und sagst uns: „Packt schnell zusammen, wir gehen an einen sichereren Ort.“ Wir schnappen uns die Katze, die Dokumente, ein paar wenige Dinge, springen sofort ins Auto. Du fährst uns zu deinem Arbeitsplatz. Dort, in den Kellern unter den Büros und Produktionsanlagen, ver-stecken sich die Mitarbeiter mit ihren Familien und die Menschen aus den Nachbarhäusern. Diese Keller sind zwar keine Luftschutzbunker, es gibt dort keine spezielle Ausrüstung, aber sie liegen ziemlich tief unter der Erde. Unser Keller ist groß, mit vierzig Personen darin, und der wärmste von allen. Der wärmste Keller hat sechs Grad Celsius. Und in den ersten Tagen ist uns hoffnungslos kalt. Nach einer Weile hast du ein Stromkabel in den Keller gelegt, die Verkabelung ge-macht und Steckdosen eingebaut. Wir bekamen Heizungen, dann gab es Internet. Und unter der Treppe haben wir sogar eine Art Küche eingerichtet. Hier kochen meine Mutter und andere Frauen das Mittagessen und versorgen alle Kellerbewohner und Arbeiter.
Der Keller ist in winzige Räume unterteilt.  In unserem stehen ein ausrangiertes Sofa aus deinem Büro und ein Stuhl. Aber selbst diese Räume sind nicht groß genug für alle, und die Leute schlafen in den engen Gängen. Neben uns wohnt eine junge Familie. Sie haben eine fünfjährige Toch-ter und ein kleines, neugeborenes Baby.  Das Baby schreit rund um die Uhr. Sie versuchen, es zu beruhigen und zu füt-tern, aber es fängt an zu weinen, zu ersticken und läuft blau an.  In ein paar Tagen werden es und seine Mutter ins Kran-kenhaus gebracht, in einen ähnlichen Keller unter der Kin-derpoliklinik. Und die kleine Schwester wird bei uns bleiben. Sie wird zu mir kommen, sich neben mich setzen und ihre Gruselbilder malen: Menschen mit abgeschlagenen Köpfen, Explosionen, zerstörte Häuser. Sie hat viele Buntstifte, aber sie malt nur in schwarz. Sie weint nicht. Sie sitzt still da und malt.
In unserem Keller gibt es viele alte Frauen.  Am Nachmittag versammeln sie sich in der Ecke und flüstern leise. Eine von ihnen jubelt lautstark über die Explosionen: „Hurra! Hurra! Ein Feuerwerk! Wir werden feiern!“ Sie klatscht in die Hände, lacht und singt. Sie hat Altersdemenz. Und manch-mal beneide ich sie sogar ein bisschen. In ihrer Welt gibt es keinen Krieg, keinen Schmerz, keinen Terror.  Die zweite alte Dame versucht, ihren alten Hund zu beruhigen. Ihr Hund ist sehr verängstigt. Nachts kauert er in einer Ecke und heult. Ein Heulen, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sie bringen ihn hinaus, beruhigen ihn, aber er heult und heult weiter. Die dritte Frau macht sich Sorgen um ihre Kat-ze. Sie wurde direkt von der Straße in den Keller gebracht. Sie stand in der Schlange für humanitäre Hilfe, als in der Nähe eine Bombe explodierte. Ihre Katze wurde allein in der Wohnung zurückgelassen. Das Wohngebiet, in dem sie lebt, wurde besonders brutal beschossen. Die alte Frau erzählt uns alles über ihre Katze. Sie hat keine Verwandten, nur diese Katze. 
Papa, weißt du noch, wie du eines Tages zur Absturzstelle in der Nähe ihres Hauses gegangen bist? Du hast die alte Frau angesprochen und sie hat dir die Schlüssel für die Wohnung gegeben. Du kamst etwa drei Stunden später wieder. Und auf Mamas leise Frage hin sagtest du: „Es gibt keine Kätzchen mehr, es ist gar nichts mehr da.“
Meine Mutter nahm die Schlüssel, gab sie der alten Frau und setzte sich lange, lange Zeit neben sie und flüsterte ihr etwas zu. Und die Frau schwankte immer wieder hin und her und weinte leise Tränen. 
Der Keller ist immer voll von Geräuschen. Oben hört man Explosionen, unten stöhnende Menschen, ein weinendes Baby, einen heulenden Hund. Die Männer sind selten im Keller anzutreffen. Nach jedem Beschuss gehen sie hinaus, um die Schäden zu beseitigen. Sie kommen für kurze Zeit, essen schnell etwas, lassen sich auf eilig hergerichtete Bänke fallen und fallen in einen unruhigen Schlaf. Papa, du gehst auch immer in der Arbeitsjacke von jemand anderem. Du bist Ingenieur, ein Energietechniker, aber es gibt keine Mitarbeiter mehr in deiner Abteilung. Einige von ihnen sind gegangen, andere sind in den Krieg gezogen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit nimmst du also einen kurzen Anruf entgegen und gehst. Es gibt sonst niemanden. Du kommst zurück und riechst nach Brand und Katastrophe. Du siehst todmüde aus. Aber du versuchst immer wieder etwas zu tun, um den Keller etwas wohnlicher zu machen, um es den Bewohnern ein wenig leichter zu machen. Du wendest dich an Freiwillige; ich höre, wie du konzentriert jemandem am Telefon diktierst: „Insulin, Spritzen, Babynahrung, Windeln, Schmerz-mittel, Beruhigungsmittel.“ So leben wir jetzt seit etwa ei-nem Monat. Die Tage verschmelzen mit den Nächten, und ich habe das Gefühl, mein halbes Leben im Keller verbracht zu haben. Ich lerne nicht – die Schulen arbeiten nicht. Den ganzen Tag liegen meine Katze und ich nebeneinander und lesen die Nachrichten, wenn es Internet gibt. Und das alles nimmt kein Ende. Es ist wie eine parallele Realität, ein sehr realistischer Horrorfilm.
Aber eines Tages, Papa, kommst du in den Keller mit einem großen Karton in der Hand. In deinem Karton sind Baguettes. Und du verteilst diese Baguettes an alle und sagst zu mir und meiner Mutter: „Leute, die Bäckerei ist offen! Ich habe für alle Baguettes gekauft! Sie sind noch heiß. Und draußen ist es Frühling und ruhig. Lasst uns nach draußen gehen. Ich habe auch Milch mitgebracht.“ 
Und wir nehmen die Katze und die Tassen und gehen nach draußen. Du führst uns zu einem Gebäude, in dessen Nähe eine Bank steht und daneben ein kleines Blumenbeet. Wir setzen uns auf die Bank und Mamas Handy klingelt. Sie geht ran und bekommt nur ein paar Worte gesagt. Mama legt den Hörer auf und die Tränen fließen aus ihren Augen. Sie weint und lacht und weint wieder. Durch das Lachen und die Tränen hindurch sagt sie: „Sie haben überlebt, sie sind raus.“ Und du und ich verstehen, von wem sie spricht. Ihre enge Freundin und ihre Familie sind in Mariupol geblieben. Wir haben den Kontakt zu ihnen am dritten oder vierten Tag des Krieges völlig verloren.  In Mariupol ist es noch schlim-mer als in Charkiw, die Menschen trinken Wasser aus Pfützen, und die Toten werden eilig vor den Hauseingängen begraben. Jeden Tag schreibt meine Mutter ihrer Freundin eine Nachricht und schickt sie ins Nirgendwo. Und jetzt ist die Freude groß. Sie sind am Leben. Sie sind aus der Hölle entkommen. Und wir sitzen auf der Bank. Und wir essen heiße, knusprige, schmackhafte Baguettes und trinken Milch. Und ich habe noch nie, weder vorher noch nachher, etwas so Köstliches gegessen. Und sogar unser Kater frisst das Brot und leckt die Milch aus dem Becher. Und wir lachen und ge-ben ihm einen eigenen Becher und sagen ihm, dass die Milch darin besser schmeckt.  Der Kater hat die ganze Zeit mit uns im Keller verbracht. Er hat kaum etwas gefressen, er lag nur mit offenen Augen da. Sein Fell ist verblasst und hängt in Fetzen.  Und jetzt knabbert er so genüsslich am Baguette und sieht so zufrieden aus. 
Und der Himmel ist blau blau.  Und keine einzige Wolke am Himmel, die Sonne scheint so hell. Und man kann das Brennen in der Luft kaum riechen. Und Schneeglöckchen blühen. Und die Knospen an den Bäumen springen bald auf. Und die Luft ist erfüllt von Geräuschen: Spatzen zwitschern, Bienen summen, Äste flüstern etwas. An dem Gebäude gegenüber hängt eine alte, runde Uhr. Und ich schaue auf diese Uhr und wünsche mir, dass die Zeit stehen bleibt. Anhalten in diesem Moment, in dem eine warme Brise weht und der Himmel klar ist, in dem die Vögel singen und kein Krieg herrscht, in dem die Liebsten in der Nähe sind. Und man kann unbeschwert auf einer Bank sitzen, mit den Beinen schwingen, etwas Lustiges erzählen, das Gesicht in die Sonne halten, den Duft von Erde, Gras und Brot einatmen. Ich möchte so gerne jede Minute dieses unglaublichen Glücks aufsaugen, jede Zelle damit füllen, so wie ein Taucher vor einem langen Tauchgang seine Lungen mit Luft füllt. Ich möchte diese Momente in einen Rucksack packen, sie mit mir tragen, sie herausnehmen, sie anschauen, sie schmecken, sie in meinen Händen wärmen, diese glücklichen Momente immer wieder erleben. Dann gibt es eine Explosion, eine Sirene, und ich muss wieder in den Keller rennen. Ich werfe einen kurzen Blick auf die Uhr, um mir die Zeit einzu-prägen. Mein Glück hat 3 Stunden und 42 Minuten gedauert, ganze 13.320 Sekunden.