Markus Fegers - Tango in der Nacht (eine Erzählung)

Tango in der Nacht

 

„Tango ist Fango für die Seele“, pflegte Elsa, meine längst verstorbene Großtante häufig zu sagen – bevor sie zerkratzte Vinylscheiben von Dean Martin oder Frank Sinatra auf ihren Dual-Mono-Plattenspieler legte. Vielleicht sagte sie das nur des Reimes wegen (Tango reimt sich auf Fango), immerhin hatte sie schon als kleines Mädchen davon geträumt, Dichterin zu werden.

Gelegentlich versuche ich noch heute, mir diese großartige Tante, eine kleine, zierliche Person mit kühner Adlernase, selbstbewusst, lebensklug und mit wachem Geist, als sportliche junge Frau vorzustellen im wilden Berlin der Weimarer Republik, in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts also – Tango tanzend natürlich.

Es fällt mir nicht leicht, denn immer wieder habe ich Bilder dieses glutheißen Sommertags vor Augen, an dem ich sie – mittlerweile fast neunzig Jahre alt – wenige Wochen vor ihrem Tod ein letztes Mal traf. Tante Elsa. Von den Nazis als liberale Journalistin früh mit Berufsverbot belegt, überlebte sie dank treuer Freunde Weltkrieg und Gewaltherrschaft in einem winzigen Kellerloch im Kölner Stadtteil Ehrenfeld, und fristete anschließend im befreiten Rheinland ein bescheidenes Leben als Stenotypistin und Schreibmaschinenlehrerin, um endlich in den späten Siebzigerjahren das karge Zimmer eines großspurig ‚Seniorenresidenz‘ genannten Altenheims zu beziehen. Dort tat sie – ja, was? Hoffentlich Tango tanzen, gemeinsam mit einer befreundeten und gleichfalls noch agilen Flurnachbarin!

„Zwei alte Tanten tanzen Tango, mitten in der Nacht …“ – so sang einst Georg Kreisler.

Wer? Kreisler? Wie, Sie kennen Georg Kreisler nicht? Zugegeben: Auch der ist schon lange tot, aber trotzdem! 1922 In Wien geboren, emigrierte er 1938 nach dem Anschluss Österreichs mit seiner Familie und dem Wunsch, ein bedeutender Pianist zu werden, in die USA. Kehrte später heim nach Wien, als scharfzüngiger Literat und bitterböser Chansonier. Zu seinen unvergessenen Songs, von ihm wegen des schwarzen Humors ‚Everblacks‘ genannt, gehörten neben „Tauben vergiften im Park“ oder „Das Mädchen mit den drei blauen Augen“ eben auch die zwei Tango tanzenden Tanten.

Tante Elsa und Georg Kreislers Tango-Chanson – was ich da zusammenreime, hat weder Hand noch Fuß, ist nur erdacht. Genau wie dieser flache Vers, der den frankophilen Düsseldorfer Heinrich Heine persifliert: „Tanz ich Tango in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht!“

Und doch: Stimmen könnte es schon. Beides …