Rezension zu Jenny Schon: Zukunft atmen Lyrik von Dr. Maria Werthan
Rezension zu:
Jenny Schon: Zukunft atmen Lyrik, Geest Verlag, Vechta, 2022.
In: Die Künstlergilde 2025 /II, Esslingen, S. 40-42.
Die Lyrikerin beobachtet das aktuelle Geschehen mit wachem Blick. Ihr Ohr haftet stets am Puls der Zeit, um zu hören, wie sich der Rhythmus des Lebens, die Einstellungen der Menschen, die Entscheidungen der Politik sowie die alltäglichen und natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen wandeln. Sie thematisiert die wiederkehrenden großen Fragen der Menschheit von Geburt, Liebe, Tod und Vergänglichkeit. Berlin ist die Stadt, mit der Jenny Schon verwachsen ist, sie kennt ihre Geschichte, ihre Baukultur und die Persönlichkeiten, die das Kulturund Geistesleben der Stadt geprägt haben. Ihr persönliches Anliegen ist „Buchstabensammeln… für… Flammenzungen… die die Welt verzaubern“ (Schon, S. 15). Ihr Sein ist eng verzahnt mit dem Wachsen und Vergehen in der Natur - das Zusammenspiel von Mensch und Natur als ewig wiederkehrendes facettenreiches Phänomen „…der Himmel malt die Kaligraphie des Lebens…“; (Schon, S. 34) „Barfuß über den Raureif…Ein letztes Jauchzen… Der Winter steht hinter der Elbe… (Schon, S. 38); „Eine Kiefer pflanzen“ (Schon, S. 16); „ich wünschte mir einen baum der gesund wachsen kann unter den ich eine bank stellte…“ (Schon, S. 62); „Die geräusche des waldes Sind in meinem herzen Einsam hockt der Kuckuck ohne Nachwuchs…“ (Schon, S. 61); „Pfaueninsel… Lautlos gleitet der schwan Die Havel liegt still… ich werfe anker weit…“ (Schon, S.72); „Stille am See Der Mensch wird auch still Hier wird Staunen gelehrt…; (Schon, S. 146) Der Kreislauf der Natur ist für die Dichterin eng verwoben mit dem eigenen Lebenszyklus „…letzte Sonne… fällt in den Abend… Noch mal ein Himmelsblick aus Kiefernholz wird mein Sarg sein…“ (Schon, S. 95). Die Klimakrise und den Raubbau an der Natur nimmt die Dichterin ernst: „Mexiko… du denkst an verdorrte Gräser… schon lange keine ernte… wir sind in der märkischen Heide…“. (Schon, S. 86) „…Überall Baustellen… die Wälder verlieren ihr Zusammenspiel…“ (Schon, S. 27); Naturgewalten sind besonders für Kinder beeindruckend „…Schwarze Zungen am Himmel treiben die Kinder ins Haus…“. Sie können für die Menschen zur Bedrohung werden. „…hatte samen in die erde gelegt den himmel umarmt und liebe geerntet der kleine garten ist vernichtet…“ (Schon, S.102). Gleichzeitig lebt sie in stetiger Auseinandersetzung mit ihren Dichtervorbildern, Künstlern und markanten Persönlichkeiten. Angefangen von der Hommage an Ovid „Aus der Zeit / Tempora / Ovid… Was bin ich Außer diesem Häufchen Schuppen… Worte könnten es sein Die mit letzter Kraft Den Garten erblühen lassen…“ (Schon, S. 44); „Mozartrequiem… Nachtvogel du flieg Requiem für eine verlorene Seele Saiten in Himmelsgold verzaubert…“ (Schon, S. 63); „Schweigegewitter Rainer Maria Rilke… nur der dichter kennt die Sehnsucht in den Zwischentönen kennt das Augenlicht der Kieselsteine im Bach…“ (Schon, S. 115); Um es mit den Worten Martin Luthers zu sagen, dem Volk aufs Maul schauen – Jenny Schon beobachtet mit Bedauern die wachsende Zahl von Anglizismen in der deutschen Sprache: „…Far fromm e ten thousand years later es wird nur noch Englisch gesprochen…“ (Schon, S. 100). Sie plädiert für flächendeckende Bildung, um „die Dummheit zu besiegen… Man hätte in jeder Kreisstadt Universitäten bauen müssen…“ (Schon, S. 104). „Rose, du…“ (Schon, S. 20) kommt als Jahreszeitengedicht in Form einer Litanei daher. Wie im Volkglauben wird Maria gepriesen als „Rose unter den Weibern… Weiße Lilie du Braut Gottes… Akeleie du schöne Taube Des Friedens…Zitenlose… Feldblume… Im blauen Mantel der Kornblume…“. Liebe kann zärtlich, hingebungsvoll und fordernd sein „…lebendig in deinen armen leuchtfeuer…“ (Schon, S. 84); „…Dein Streicheln Ein feiner Luftzug Küsse mich Jetzt…“; (Schon, S. 118). Selbstkritik gehört zu den Leben mit Höhen und Tiefen eines gelingenden Lebens – „…ich habe es nicht geschafft, mich als Mensch zu überwinden…“ (Schon, S. 23). Auch Bilanz ziehen, dient der Selbstvergewisserung. „Sprachgitter Für Paul Celan… Zerrissene Wortfetzen auf der Baustelle meines Lebens… im Archiv Lagern die Trümmer Des Gewissens und viele suchen Schutz aus Scham… Ich war zu jung Ich wollte neu anfangen… Ich wurde aufsässig Raffte die Buchstaben Und schritt zur Gegenwehr Aber ich war unerfahren und hatte falsche Verbündete… Ich setzte Ableger in den Garten der Worte Ließ dem Wuchs freien Lauf und entfernte das Gitter Der Fremdheit Dann konnte Ich schreiben in der Sprache Der Herzen“ (Schon, S. 58/9) Aufmerksam beobachtet die Autorin die Beeinträchtigungen des Alltagslebens durch die Corona Pandemie Heute beginnt die Zukunft „…Wann ich wieder ins Museum darf… den duft der bilder ihre Strahlkraft erleben… das zauberwort storniert die wirksamkeit meiner impfung…“ (Schon, S. 36) „De brevitate vitae … Corona lehrt uns, dass das Leben ist kurz Angefallen vom Winzling Aus und vorbei… Wir wollen im Café sitzen Ins Theater gehen kleine Alltagsfreuden genießen…“ (Schon, S. 48); „Eine Welt auf Abstand… Höchste Fallzahlen Täglich die Unvernunft Der Maskengegner… Einsamer Abschiedskampf…“; (Schon, S. 87); „Summertime… and the living is easy… Corona hat die sinne verändert und die zeitvorstellung Es gibt coronaunterzeiten und coronaaufzeiten… Welch ein trost“ (Schon, S. 71); „…Zweiter Coronawinter… Zuhören ohne zuzuhören… Ich sein zu können Und keine Statistik Mit impfkurven und Booster…“; (Schon, S. 123) „…Die virologen klagen Politiker drohen und die einzelhändler jmmern… In Afrika gibt es kaum Vaccine…“. (Schon, S. 125) In den Corona Pausen heißt es dann „Endlich wieder Kaffeeklatsch“. (Schon, S. 96-98) Dabei kann ein Lächeln die Welt verändern „Lachen und Lächeln und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den Menschen hineinrutschen kann.“ (Zitat von Christian Morgenstern, Schon, S. 50) Berlin ist die Wahlheimat von Jenny Schon. Sie schätzt die Vielfalt des kulturellen Angebots, das Verweilen im Café, die grünen Inseln und die Geschichten und Plätze aus dem alten Berlin. „Gendarmenmarkt… Gens d’armes… Gemüsebeet… Mittelmarkt… Märzrevolution… Die feine Gesellschaft… geht Abends ins Theater Unter ihnen Fontane… Es wurde wieder aufgebaut Die Schönheit hat das Sagen Aber das Flair fehlt…“ (Schon, S. 64/5) Handel spielt im alltäglichen Leben seit alten Zeiten eine wichtige Rolle, egal wie der Name des Marktes lautet: „…mercatus, marcat, Bazar, Soko, market… überall sind Menschen, die handeln, austauschen, vergleichen…“ (Schon, S. 37) Mit dem Gedicht „Staub 11.09.2001“ setzt die Dichterin den Zwillingstürmen ein Denkmal „…zwei Türme bersten, schmelzende Eisenträger…fingernägel in graupelschauern…DNS-ketten entzifferbar im staub…“. Den Terror Opfern vom Breitscheidt Platz Berlin 2017 gelten „…zwölf minuten für zwölf tote jeder glockenschlag ein herzschlag… 19. Dezember 2021… Dreizehn Glockenklänge ertönen Und ein weiterer Name wird eingraviert…“. (Schon, S. 128) Die Würde, die Unversehrtheit und das Selbstbestimmungsrecht der Frauen zu verteidigen, ist Lebensaufgabe von Jenny Schon. . Sie erhebt ihre Stimme gegen die Unterdrückung der Frauen weltweit. „Tahir-Platz – Platz der Befreiung – 2011 … Männer haben den Platz geschaffen sich zu befreien… Sie haben die Freiheit Aus der Menge Eine Frau zu zerren …Schleifen sie über den Asphalt…“ (Schon, S. 41); „Patriarchat… Frei waren sie Studierten und lachten In den Cafés die Frauen… war Kabul eine weltoffene Stadt Unverheiratete Frauen werden nun einkassiert Als Beute wie Vieh… Die alten Schriften verhießen zehn Plagen eine davon ist das Patriarchat…“ (Schon, S. 106) Kritisch hinterfragt die Dichterin die „Spielregeln“ (Schon, S. 76/7) der Kinder „…spielt nicht mit den grünen roten…“. Wenn man diese Zeilen liest, fällt es einem schwer, nicht an die aktuelle festgefahrene Diskurskultur zu denken. In dem Text „Aufklärung andersherum“ (Schon, S. 140/1) moniert die Dichterin den dirigistischen Umgang mit Wissen „Als kind alles wissen In museen gehen Jeden Sonntag Die welt stand offen… Heute meine schritte Wieder nur ins museum Ich werde nicht neugierig gemacht Ich werde belehrt Ich muss den Kopf Verdrehen und darf lesen… Eingeborene… exotisch sind unerwünschte wörter jetzt – noch nicht so arg wie das N-Wort…“. In dem Gedicht „Brot und Liebe“ (Schon, S. 92) fragt die Dichterin nach der wahnsinnigen Sucht des Menschen zur Zerstörung, die sich besonders in kriegerischen Handlungen äußert. „Krieg… kommt auf leisen Sohlen… Der Feind war bekannt vom Letzten Jahr…“; (Schon, S. 127) „Es ist wieder da Dieses schrecklichste aller Wörter Krieg…“; (Schon, S. 133) „Friedfertig ist das keimen Der natur… Aus winzlingen wird Leben es ist krieg Geliebte amsel die Menschen hören nicht Dein lied…“; (Schon, S. 138) „…panzer hier Ein kanönchen dort… Ich kenne diese Bilder Ich war in Dresden Neunzehnhundertfünfundvierzig im Brandleichengeruch… Der Mütter Reißt Eure Söhne von den Waffen Frauen Seid nicht stolz Auf die Sieger“; (Schon, S. 176/7) „…Ich schreibe über den Krieg noch immer dass er aufhörte für immer wenn wir uns küssen…“; (Schon, S. 113) Wachsam schildert die Dichterin, was sie zum Jahreswechsel registriert: „Gorleben ist außer Gefecht… Brokdorf wird abgeschaltet… Aber die Energieerzeugung ist nicht besser geworden… Windkraftwerke… Sind keine Alternative auch nicht Mais, Raps und Sonnenblumen Das sind Nahrungsmittel Millionen Menschen hungern weltweit… Auch Holzeinschlag ist keine Alternative… Wir brauchen die Wälder für Reine Luft… Frauen Dürfen in Arabien Auto fahren… In Afghanistan aber nicht studieren… Außerhalb des Hauses keinen Arbeitsplatz haben müssen sich unsichtbar machen… Bei uns… Dürfen die Frauen Nachrichten Sprechen In Hosen Kanzlerin sein… Was Frauen bei uns nicht dürfen Wenn sie weiß sind: schwarzamerikanische Dichterin Übersetzen…“ (Schon, S. 130-132) Erinnerungen bilden das Korsett unserer gelebten Erfahrungen - „Auf der Erinnerungsbank… Sitze ich um zu spüren, was ich geliebt…“ (Schon, S. 29); „Sag mir wo die blumen sind… Oh flower power Warum ist deine Geschichte nicht wahr Geworden mit blumen Gegen panzer Gegen krieg…“ (Schon, S. 136); „Am Meer bei Pula Dem Cellisten Stjepan Hauser gewidmet… Sie ziehen In den Himmel Boote mit den Klängen Deines Cello Seelenfreund…“; (Schon, S. 99) „…Ich werfe Steinchen Über die Spiegelfläche Ihre Kreise holen Sie mir zurück Diese Bilder Der Kindheit Eine winzige Sekunde Der Ewigkeit“ (Schon, S. 174) Endlichkeit ist ein Thema das immer wiederkehrt. „…Es kommt die Zeit…Endlichkeit mich zu greifen…“; (Schon, S. 26) „…Ich habe Meinen Sarg bestellt Aus märkisch Kiefer…“; (Schon, S. 56) „…das meer ist unendlich und der wahre Mensch unsterblich“. (Schon, S. S. 34) Freiheit - wie könnte man sie schöner träumen als die Dichterin? „ … der leichte flug des mauersegler zaubert mir freiheit vor die füße dass ich schwebe…“ (Schon, S. 172) Die Sprache von Jenny Schon kommt leise, einfühlsam, poetisch, aber auch kraftvoll und laut, eben immer situationsadäquat daher. Sie liebt die Epitheta, die Metaphern und kreiert laufend neue Wortschöpfungen. Mittels Antithese setzt sie die Gegensätze zwischen Natur und heutiger Kultur, zwischen Gestern und Heute, zwischen Frauen und Männern, zwischen Arm und Reich ins Licht. Die Verse sind in einem freien Rhythmus gestaltet. Selten folgt die Dichterin der gängigen Rechtschreibung. Wenn sie oft das Verb, das Adjektiv oder das Fürwort bei fast durchgängiger Kleinschreibung groß schreibt, erweckt sie den Eindruck, dass sie im vorgegebenen Kontext genau diesen Begriff akzentuieren will. Zukunft atmen bleibt trotz aller ernsthafter Krisen, Problemen und Unzulänglichkeiten der Gegenwart bis zum letzten Satz optimistisch der Zukunft zugewandt: „… Wir schauen Fotos In Poesiealben… Schöne Welt von gestern Retten wir sie Für heute, morgen, übermorgen Für uns und unsere Kindeskinder…“ (Schon, S. 185) Die beeindruckenden, farbenprächtigen Illustrationen von Bettina Griepentrog ermutigen, die Schöpfung in ihrer Pracht zu erkunden, so wie Jenny Schon es uns vorlebt. Dr. Maria Werthan, Langerwehe/Düren.