Sybille Fritsch mit einer Buchbesprechung zu Thomas Bartsch 'Erdrutsch der Zeit'

WER JETZT KEIN HAUS HAT, BAUT SICH KEINES MEHR. DER WELT INS GESICHT SEHN – VON DER SEHNSUCHT NICHT LASSEN

Buchbesprechung von Sybille Fritsch-Oppermann zu:

 

Thomas Bartsch, Erdrutsch der Zeit, Lyrik, Geest-Verlag 2026, ISBN 978-3-69064-568-3, 14.00 €

Thomas Bartsch legt seinen vierten Lyrikband im Geest-Verlag vor. Neben seiner darüber hinausgehenden Beteiligung an drei Anthologien einer festen Lyriker- und Lyrikerinnen- Gruppe dieses Verlages, erschien hier auch sein tiefenpsychologisch-philosophischer Essay zu Sisyphos mit einer innovativen Neu-Interpretation der Sisyphos-Metapher im Sinne einer „Chance und Kunst zur Wende“.

Liegt es an Bartsch’s beruflichem Hintergrund in der medizinischen Psychotherapie, dass er auch in seiner Lyrik den Menschen nicht gänzlich aufzugeben vermag? Jedenfalls betrachtet er selber das Schreiben von Gedichten als Wortkunst und als Basis und Raum für eine Reflexion, die sowohl nach innen ausloten als auch nach außen Stellung beziehen kann.

 

 

Aufarbeitung

 

Ich trage in mir

Ein altes Haus

 

Mit Rissen im Boden

Lücken im Dach

 

Dort schaffe ich mir

 

Einen atmenden Raum

 

In dem ich

 

Als ICH

 

Überleben kann

 

(Seite 68)

 

 

Thomas Bartsch schlägt seine Gedichte den Lesern quasi zum Gespräch vor. Sie kommen, auch da, wo sie nach außen Stellung beziehen, nie mit erhobenem Zeigefinger daher. Der Lyriker teilt aus vom eigenen Erleben und teilt mit denen, die anderes dazu beitragen könnten.

So bestechen die meisten seiner Gedichte durch eine Offenheit auf allein oder gemeinsam zu findende Auf-lösung hin.

Er sieht der Welt und dem Leben, so schrecklich es auch sein mag, ins Gesicht; beschönigt oder vertröstet nicht. Aber – er gibt, manchmal gar in Reime mündend, Bau-Zeichnungen für Häuser mit auf den Weg, in denen die romantische Sehnsucht, die wir Menschen letztlich doch alle teilen, nach Einssein und Heilsein, Schutz finden kann. Für eine Weile. So lange als eben nötig. Und das immer so, dass es beim Lesen reizt, eigene Schutzräume zu ersinnen und zu entwerfen.

 

Angenehm, dass einer, der ganz offensichtlich sein Herz nach wie vor an die Romantik in der Lyrik verloren hat – oder hat er es da gefunden? - , dennoch ganz neue Töne findet. Gar keine Tendenz zu postmodernem Kitsch findet sich. Kein Ausschweifen, kein Nachahmen. Die Worte sind kurz und knapp, wie auch die meisten der Gedichte. Und gerade dadurch schaffen sie Raum für eine zarte blaue Blume inmitten der großen Städte, der Betonwüsten, der von Menschen verunstalteten Natur.

Kurz und knapp werden uns Träume zugestanden, Erinnerungen und – auf sie bauend – Hoffnungen für heute und morgen.

 

 

Liebesbrief

 

Weil der Paradiesvogel

 

In mir

 

Federn gelassen hat

 

Kann er spüren

 

Dass er nicht friert

 

Wenn du DU bist

 

Ganz du

 

Und hautnah

 

Bei mir

 

(Seite 9)

 

 

Um ICH-findung ohne Egozentrik, um Begegnung mit einem ernstzunehmenden DU, eigenständig und doch zu zeitweiliger Verschmelzung bereit, geht es dem Lyriker. Um liebe-volle Begegnung womöglich auch mit allem, was lebt, und weiter: mit allem, was ist.

 

Und selbst da, wo der Realismus die Sehnsucht deutlich hinterfragt, wo es keine Hoffnung mehr zu geben scheint, dürfen die Leser zwischen den Zeilen und in der Stille jenseits der Worte selber weiter suchen – und manchmal auch eine Andeutung des Autors finden; ein lyrisches Trotz-Alledem, Rufe im Niemandsland, wie im ersten Kapitel des Buches.

 

 

Worte aus Watte

 

In Blau und Rosa

 

Tanzen, schweben

Schwerelos

 

Sei freundlich

Sagen sie

 

Bleib heiter

 

Und

 

Fern

 

(Seite 23)

 

 

Dass im freien Übungsflug auch im Scheitern Gelingen liegt – diese Überzeugung wird in einem anderen der Gedichte nahegelegt (Seite 22). „Zwischen den Worten / liegt die Tiefe des Meeres…“ so beginnt ein Gedicht in Kapitel 2, „Wie eine Harfe im Wind“ (Seite 31).

 

Wenn Bartsch die Freude am Augenblick im Alltäglichen ver-dichtet, fühle ich mich an feine japanische Kurzgedichte erinnert, in denen nicht selten Sehnsucht und Humor sich die Hand reichen. Skizzen und Momentaufnahmen, hingetupft, die Leser zu erinnern, dass es so etwas auch in ihren Leben gibt. Wenn der Hund ihn vom bürgerlich brav zusammengekehrten Laub befreit. Wenn die aus dem Urlaub heim gebrachten Muscheln in sicherer und heimatlicher Distanz an das ferne Tosen da draußen erinnern. (Seite 32 und 34)

 

Viele der Gedichte in diesem Band schlagen vor, sich trotz aller Wehmut über Unwiederbringliches und trotz aller schlechten Erinnerungen, nicht davonzustehlen; auch diese noch ins Erträgliche, in eine Chance zu wenden. So in meinen Augen auch dasjenige, das den Titel des gesamten Bandes trägt:

 

 

Erdrutsch der Zeit.Erinnerungen

 

Der Nachbar, der Kinderfeind

Meckert wieder

Weil einer von uns

Den Ball über den Zaun

Geschossen hat

 

Ja, Freunde, das müssen wir

Nicht anhören, wenn er wieder

Schreit: „Ihr Nichtsnutze, Bengel!“

 

Gehen wir also

Es ist ja schon Mittag

 

Bei mir gibt es heute

Gefüllte Pfannkuchen

Mein Lieblingsessen

 

Aber meine Eltern

Und Brüder

Warten nicht mehr

Auf mich

 

Ich werde sie mal wieder

Dort besuchen

Wo sie

Für immer schweigen

 

Ich hoffe, meine Frau

Begleitet mich

 

Also dann...

 

 

Andere wissen aber auch um die Situationen, in denen nichts mehr zu retten scheint:

die Zerrissenheit der Frau am Morgen zwischen der Zärtlichkeit, die aus Gewohnheit zu ihm hinspricht und der geballten Faust, die sich selbst seinetwegen kaum erträgt (Seite 42). Absolute Wahrheiten gibt es nicht in diesen Versen, wie auch unser Leben eher aus den unterschiedlichsten Grautönen und nicht aus Schwarz und Weiß besteht. Nicht alle Worte, die im Nahbereich gefrieren (Seite 49), können wohl in eine gute Wendung geraten. Der Versuch lohnt sich jedoch immer.

 

Es gibt auch ver-dichtete Beschreibungen von Ausweglosigkeit, von Menschen, die diese Welt und mit ihr andere verarmen und zu Grunde richten. Hier und da übernehmen Ironie, sehr selten auch Sarkasmus die Feder.

 

 

Demagoge

 

Als sein  überblähtes

Ego platzte

 

Kreischten begeistert

Seine Claqueure

 

Im Glauben

An die Geburt

 

Einer grandiosen

Vision

 

(Seite 54)

 

 

Was mich bei der Lektüre schließlich hingerissen zurückgelassen hat, ist die leise poetische Selbstverständlichkeit – mit der auch die tägliche Notwendigkeit zu schreiben beschrieben wird. Und selbst dann, wenn das Schreiben nicht gelingen will, das Vertrauen in die Wörter, in die Möglichkeit bestehen bleibt, diese Welt und das Leben zu ver-dichten:

 

 

Ein Gedicht

Fällt aus

Da es schläft

Und träumt

 

Ich rüttle es nicht

Und warte…

 

Vielleicht

Meldet es sich

Zu Wort

 

Irgendwann

 

Sofern es

Mich nicht

Vergisst

 

(Seite 89)