Wendelin Mangold - Russlanddeutsche Autoren - Isolation statt Integration


RUSSLANDDEUTSCHE AUTOREN
     Isolation statt Integration

Sie wollen russisch sprechen.
Sie wollen russisch singen.
Sie wollen russisch zechen.
Sie wollen russisch springen.

Sie wollen russisch reisen.
Sie wollen russisch buchen.
Sie wollen russisch speisen.
Sie wollen russisch fluchen.

Sie wollen russisch spielen.
Sie wollen russisch üben.
Sie wollen russisch fühlen.
Sie wollen russisch lieben.

Sie wollen russisch schreiben.
Sie wollen russisch sinnen.
Sie wollen russisch bleiben.
Sie wollen russisch spinnen.

Gott sei Dank, nicht alle
sind diesem Wahn verfallen.

Wendelin Mangold
(aus: “Sprung ins Wasser”, Geest-Verlag 2011, S. 15)


Wendelin Mangold entstammt einer russlanddeutschen Bauernfamilie. 1943 wurde seine Familie von den nationalsozialistischen Behörden im Zuge der ethnischen Neuordnung des 1939 vom Dritten Reich okkupierten „Warthegaus“ in diese vormals zu Polen gehörende Region zwangsumgesiedelt. Mangold erlebte das Kriegsende in Deutschland; seine Familie wurde von der Roten Armee in die Sowjetunion deportiert und verbrachte das nächste Jahrzehnt unter strenger staatlicher Aufsicht, der sog. „Kommandantur“, im Nordural. Wendelin Mangold war während dieser Zeit vorwiegend als Bauarbeiter tätig. Nach dem Ende der stalinistischen Ära in der Sowjetunion zog die Familie Mangold 1956 nach Nowosibirsk. Wendelin Mangold konnte nunmehr eine Abendschule besuchen, die er erfolgreich abschloss. Von 1962 bis 1967 studierte er am Pädagogischen Institut in Nowosibirsk Germanistik; er promovierte in diesem Fach und wirkte als Dozent. Später hatte er einen Lehrstuhl für „Deutsch als Muttersprache“ im kasachischen Koktschetaw inne. Seit den 1970er-Jahren veröffentlichte er literarische Texte – vorwiegend Gedichte – in der deutschsprachigen Presse der Sowjetunion.

1992 übersiedelte Wendelin Mangold nach Deutschland, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2007 als Sozialarbeiter in der katholischen Seelsorge für die Russlanddeutschen tätig war. Mangold lebt heute in Königstein im Taunus.