Gedichte zum Aufwecken Eine Rezension von Olaf Bröcker zur Anthologie: Wenn selbst der Plastikbaum stirbt.
Gedichte zum Aufwecken
Eine Rezension von Olaf Bröcker zur Anthologie: Wenn selbst der Plastikbaum stirbt. Geest-Verlag 2026
Lyrik ist etwas Besonderes. Und wir leben in besonderen Zeiten. Was also läge näher, als Lyrik über diese Zeiten zu schreiben. Nicht über die politischen Gegebenheiten, Trump, die Zeitenwende, Gaza. Historiker wissen, dass Politik lange nachwirkt, aber sich ändern lässt. Nein, Lyrik über etwas, das sich irgendwann nicht mehr schnell ändern lässt und daher viel länger nachwirken wird.
Um sich also mit dem Klimawandel zu beschäftigen, hat die Gruppe der 7 Lyriker*innen, die der Geest-Verlag 2022 ins Leben gerufen hat, sich quasi verdoppelt, sich zellgeteilt: Jedes Mitglied hat Kontakt aufgenommen zu einer anderen Lyriker*in des Verlags. Das jeweilige Pärchen hat sich dann lyrisch schreibend mit dem Thema beschäftigt, mal in Dialogform, wie es Holger Küls und Amanda Wurm getan haben, mal kommunikativ jeweils auf das Werk der Partner*in eingehend, wie zum Beispiel Thomas Bartsch und Anna Hackstedt.
Da sich die Autor*innen so auf das jeweils andere, fremde Schreiben einlassen mussten, entstand ein Mix aus ganz vielen Lyriksplittern, von dem kurzen beobachtenden Wort von Artur Nickel bis zur lyrischen Prosa von Thalia-Anna Hampf, von kurzen abgehackten Stichen bei Miriam Bornewasser bis zu slamartigen Verwirrungen bei Eda Muslubaş. Und obwohl der Band verschiedene Zugänge von Generationen abbildet, die Altersspanne reicht eben mal von über 80 bis hin zu 19 Jahren, gibt er doch ein einheitliches Bild ab.
Denn ob nun Sigune Schnabel befürchtet, dass die Welt unter ihr zerbricht, Frank M. Fischer von einer riesigen Feuersbrunst schreibt oder Eda Muslubaş eine Welt ohne Regen entwirft: Sie haben alle Angst um unseren Planeten, sehen das große Ganze des Wandels.
Ob Anna Hackstedt den Wald nur noch als Holzfabrik sehen kann, Artur Nickel das Meer nicht mehr hört, ohne seine Verschmutzung zu sehen, oder Thalia-Anna Hampf beim Durchschneiden eines Apfels ins Grübeln kommt: Sie alle sehen und denken im Kleinen, auch im schönen Kleinen die Bedrohung immer mit.
Und ob Holger Küls beschließt, eine Woche lang revolutionär zu sein und seinen Garten nicht mehr zu regulieren, Hans-Hermann Mahnken feststellt, dass alles, einfach alles aus Plastik ist, oder Rieke Siemon konstatiert, dass wir wie im Märchen mit den Schwefelhölzern alles einfach verbrennen sehen: Sie stellen alle fest, dass wir zu wenig, ja, dass wir manchmal nichts dagegen tun.
Alle Texte dieser Autor*innen und auch die von Thomas Bartsch, dem ursprünglichen Initiator der Gruppe, von Miriam Bornewasser, von Ulrike Marie Hille, von Philipp Létranger und Amanda Wurm münden so in das Wort von Anna Hackstedt: „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“, dann haben wir zu viel gewandelt, dann verschwinden alle diese kleinen Dinge, dann haben wir zu lange zugesehen. Dann werden wir, wie Frank M. Fischer sagt, „im Brennen ein neues Zuhause finden müssen.“
Oder weckt uns dieser fantastische Band mit moderner und ausdrucksstarker Lyrik noch auf, reißt er uns vom Boden hoch?
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Wenn selbst der
Plastikbaum stirbt
Gedichte
Mit Beiträgen von
Thomas Bartsch
Frank M. Fischer
Holger Küls
Hans-Hermann Mahnken
Artur Nickel
Sigune Schnabel
Rieke Siemon
im Dialog mit
Miriam Bornewasser
Thalia-Anna Hampf
Anna Hackstedt
Ulrike Marie Hille
Philipp Létranger
Eda Muslubaş
Amanda Wurm
Mit einer Einleitung von Prof. Dr. Herbert Zucchi
Herausgegeben von Alfred Büngen
Geest-Verlag 2026
ISBN 978-3-69064- 561-4,
14,50 Euro, 190 S.
Die Erde trägt mich, wiegt mich sanft,
gibt mir Ruhe und Sicherheit.
Und immer, wenn der Sommer geht,
beginnt das leise Vermissen.
Eda Muslubaş
Geleitwort
Die Erde ist gesegnet mit einer wunderbaren und wundersamen Natur, zu der die Vielfalt von Lebensräumen und etliche Millionen Tier-, Pilz- und Pflanzenarten gehören – wir wissen nicht, wieviele es letztlich sind. Diese Natur ermöglicht es uns Menschen, von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter beglückende Begegnungen und Erlebnisse zu haben, die zu einer großen Liebe der Welt gegenüber führen können, uns aber auch eine gewaltige Verantwortung für ihre Bewahrung abverlangen. Verantwortung auch dafür, unseren Nachkommen diese Erde möglichst unversehrt zu hinterlassen. Dem werden wir nicht gerecht, wie die andere, die dunkle Seite mit dem verhängnisvollen Wirken von Homo sapiens (?) der Natur gegenüber zeigt: Übernutzung und komplette Zerstörung von Lebensräumen, Gefährdung oder gar Ausrottung zahlreicher Arten, Überschwemmung der Erde mit Giftstoffen, Überdüngung von Land-, Süßwasser- und Meereslebensräumen, Plastiküberfrachtung, Massentierhaltung und andere Phänomene führen uns dies deutlich vor Augen. Vieles bleibt nur noch in der digitalen Welt sichtbar, die gleichzeitig ein weiterer Bedrohungsfaktor ist.
Das alles findet sich in den Texten der Autorinnen und Autoren in starker Bildhaftigkeit und von Stimmungen und Gefühlen durchdrungen wieder: In Schönheit, Faszination, Kritik, Düsternis, Verlust und Schmerz. Lyrik eben in unterschiedlicher, in vielfältiger Form. Berührend, erschreckend, aufwühlend, aufregend, anregend.
Osnabrück, im März 2026 Prof. Dr. Herbert Zucchi