Gottfried Meinhold - Das stärkere Leben

Das stärkere Leben

 

Noch kann man sich über die Geduld der Menschen auf den Bahnsteigen nicht genug wundern, über ihre unbewegten Gesichter, ihre gelassene Haltung angesichts des kaum verständlichen Geplärrs im Lautsprecher. Denn unablässig werden immer neue Verspätungen längst überfälliger Züge gemeldet. Erst ging es um harmlose Viertelstunden, dann um halbe und um ganze Stunden. Zwar kommen ab und zu noch Züge an, aber sie sind leer, und es ist ausdrücklich untersagt einzusteigen, und die Menschen leisten gehorsam Folge und geben die Hoffnung anscheinend immer noch nicht auf. Nach den ersten Wartestunden hatte es bisweilen Buh-Rufe und gereizte Sprechchöre gegeben, später wurden Schimpflieder gesungen, doch war schon vereinzelt Gelächter dazwischen. Unterdessen ist die Sonne gesunken, und es wird wahrscheinlich eine milde Sommernacht. Die ersten Wartenden haben sich niedergelassen, sitzen rings um ihr Gepäck, sie packen aus und essen und schwatzen. Jemand behauptet übermütig, demnächst werde man Zugverspätungen nicht mehr nach Minuten, sondern nach Tagen bemessen. Die neuesten Mitteilungen über den Lautsprecher werden nur noch beiläufig gehört, man winkt ab und schüttelt den Kopf, auf den Treppen und Gepäckkarren und vereinzelt sogar an der Bahnsteigkante – mit hängenden Beinen – sitzen die Leute, breiten sich aus, ihre Gesänge werden immer schwungvoller, immer häufiger unterbricht Gelächter das Palaver, Korken werden gezogen, und Flaschen machen die Runde, allgemeine Lustigkeit verbreitet sich, und wenn dann und wann einer laut daran erinnert, dass man ja immer noch vergeblich warte, wenden sich die anderen ab.

Ein rechtes Lagerleben hat sich entfaltet, und die wenigen Polizisten oder Bahnbeamten, die noch über die Bahnsteige gehen, um ein wenig Ordnung zu schaffen, werden beiseite geschoben, wenn sie versuchen, die Sitzenden oder halb Liegenden dazu zu bewegen, Abstand von der Bahnsteigkante zu halten oder die Beine auf den Bahnsteig hinaufzuziehen. Eimer mit Kohle und Wasser werden herbeigetragen. Es kommt nunmehr, zu fortgeschrittener Stunde, schon vor, dass Töpfe über den Flammen schaukeln, dass es dampft und brodelt und der Duft von Gebratenem bis hinunter in die Tunnelgänge zieht, aus denen neue Passagiere von der Stadt heraufsteigen, die sich unter die Lagernden mischen, von ihnen begrüßt und zum Bleiben eingeladen. Die haben inzwischen bereits vergessen, dass dies hier ein Bahnhof ist, und es geht schon lange nicht mehr ums Verreisen. Manche sitzen auf den Gleisen, spielen mit den Weichen und zünden auch auf den Schwellen kleine flackernde Feuer zum Wärmen an, denn allmählich wird die Luft frischer. Keiner denkt an Schlaf. Auch will niemand wissen, wie spät es ist. Jemand hat die große Uhr eingeschlagen und muss die Zeiger entwendet haben. Diese Entdeckung ist nur ein Anlass zu neuer Belustigung, und eben diese unverwüstliche, heitere Lebendigkeit übertönt das Splittern von Scheiben und Flaschen, das Poltern stürzender Koffer und Kisten, die Rufe der Liebenden. Heiter sind die Menschen ganz einander hingegeben, der Anlass ihres Hierseins ist vergessen, längst ist das Leben über die Unbill der Wartezeit hinweggeflutet. Inzwischen ist der Bahnhof verstopft und unpassierbar, dennoch lassen sich Uniformierte nicht mehr blicken, die Bahnangestellten haben die Kassenschalter und Aufsichtskabinen geschlossen und sich in die Stadt zurückgezogen. Der Bahnhof befindet sich fest in den Händen der Biwakierenden, und, wie man hört, nicht nur dieser eine Bahnhof. Von allen möglichen Bahnhöfen aus ziehen nach Mitternacht ausgelassene übermütige Kolonnen tanzend und mit kraftvollen Liedern auf den Lippen durch die Hauptstraßen der Stadt und erhalten Zulauf von allen Seiten. Nicht ausgeschlossen, dass sie binnen kurzem das Land erobern werden, denn wie sie ums Morgengrauen die Stadt anfüllen und überfüllen und die großen Alleen und Boulevards auf- und abwogen, sind sie schon eine Macht, vor der die Behörden ihre Tore fest verschließen und vor der die mit dem Regieren Beauftragten sich zurückziehen in die innersten Gemächer ihrer Paläste, eine Macht, vor der die Wachsoldaten sich abwenden und die Spürhunde furchtsam ihr Fell sträuben, als witterten sie neue, mächtigere Herren. So als ob von den außer Betrieb gesetzten Bahnhöfen eine neue Zeit ihren Anfang nehmen könnte.

 

auis seinem Ende Juni zum 90 Geburtstag im Geest-Verlag erscheinenden Band: Lachverbot und Heiterkeitspflicht