Holger Evang - lübecker marzipan türkischer honig

lübecker marzipan türkischer honig

 

 

ach

es war ja so verlockend arier zu sein.

mit schönem arischem stammbaum.

bis in die dritte und vierte generation.

 

man durfte schwimmbäder benutzen

in denen das schwimmen

für juden verboten war.

 

man konnte problemlos mit der straßenbahn fahren

was juden ebenfalls nicht durften.

 

unsereins durfte heiraten wen man wollte

vorausgesetzt natürlich

die auserwählten waren nicht etwa jüdischer

oder gar negroider herkunft.

das ging selbstverständlich nicht.

 

jederzeit konnten wir raus auf die plätze und straßen

was juden halt nur noch am tage erlaubt war.

 

also:

ein rundherum gutes gefühl war das schon

ein deutscher arier zu sein.

 

schmeckte süß wie lübecker marzipan.

das alles zu dürfen was der jude halt nicht mehr durfte

süß wie türkischer honig.

klingt zwar fremd - schmeckt aber lecker.

 

die bitterste schmach jedoch für uns arier:

die bombardierungen deutscher städte.

 

später als sie allesamt bereits judenfrei waren:

köln dresden münchen hamburg.

fiel alles den bomben zum opfer.

überall verkohlte leichen.

alles in schutt und asche.

all die schönen deutschen baudenkmäler.

bitter. sehr bitter.

aber so ist der krieg.

 

wie bitte?

 

ob die bombardierungen etwas mit der judenverfolgung

zu tun hatten?

da fragen sie nun wirklich den falschen.

 

wie bitte?

 

ob es da auch um die befreiung von kz-häftlingen ging?

wo soll das denn gewesen sein?

 

wissen sie:

für politik haben wir uns nie sonderlich interessiert.

politik ist ja so furchtbar kompliziert.

da haben wir uns doch lieber ganz rausgehalten.



chuzpe