Richard Pfund - Kapitel 5 (aus dem Höllenhund Horst)
Kapitel 5
Wir standen vor einer Fotografie in der Kunsthalle. Da-rauf war eine Obstschale mit einer Apfelsine darin zu sehen.
„Warum fotografiert jemand eine Obstschale, in der eine Apfelsine liegt, vergrößert das Foto über die ganze Wand? Und warum sehen sich dann die Menschen so etwas an?“, fragte mich Horst.
„Ich glaube, Stillleben fertigt man an, um den Gegenstand selbst in den Vordergrund zu stellen. Der Künstler verbindet etwas mit diesem Gegenstand. Ein Gefühl, das er dem Betrachter mitteilen möchte“, antwortete ich, ohne meinen Blick von der Fotografie zu wen-den. „Ach, Gott! Bist du jetzt unter die Philosophen gegangen. Was sagt uns denn diese wunderschöne und stinknormale Apfelsine über das Innere des Künstlers?“, fragte Horst genervt.
„Ich weiß es selbst noch nicht“, musste ich einräumen. Der Hund stieß einen Seufzer aus und fragte dann: „Warum stehen wir dann noch hier?“
„Weil ich rausfinden möchte, was dieses Bild zu bedeuten hat“, antwortete ich gedankenverloren.
Ein erneutes Seufzen war zu hören. „Ich glaube, der fand dieses Ding nur schön, da muss man nichts hineininterpretieren. Und jetzt komm! Ich habe die Schnauze voll von Apfelsinen“, schimpfte er und trot-tete davon. Ich folgte ihm widerwillig.
Am Abend saß ich zu Hause in meinem Sessel und ruhte mich aus. Da kam Horst zur Tür herein und setz-te sich vor mich hin. Er hatte ein kleines Stück Papier in seiner Schale. „Kannst du mir mal das Foto abneh-men? Ich kann nicht ewig meine Spucke zurückhal-ten!“, forderte er mich auf.
Ich tat wie geheißen und nahm das Foto aus dem Spucknapf. Dabei wunderte ich mich, warum der so trocken war. Aber das änderte sich schlagartig, als ich das Bild in der Hand hielt. Sofort öffnete sich das Maul des Hundes und ein Schwall Spucke ergoss sich in das Auffangbecken.
„Hey! Pass auf meinen Boden auf!“, rief ich erschrocken.
„Ja, ja, entspann dich! Dieser Spucknapf fängt auch größere Mengen von meinem Sabber auf. Heißt nicht umsonst ‚Made in Hell‘. Jetzt schau dir mein Werk an und sag mir deine Meinung“, forderte Horst mich auf.
‚Was zum Teufel …!‘, schoss es mir durch den Kopf, als ich das Bild ansah. Was ich sah, war eine mit grünem Schimmel überzogene Apfelsine. Die Fliegen und Ma-den hatten offensichtlich ihren Spaß.
„Und?“, fragte der Hund.
„Das ist wahrlich sehr interessant“, sagte ich angewi-dert und legte das Bild schnell wieder weg.
„Ich habe mir erlaubt, das Bild vergrößern zu lassen. Dann kannst du deiner Freude weiter nachgehen und versuchen, mein Inneres zu ergründen“, meinte Horst und trottete davon.
Ich sah ihm nur fassungslos hinterher.