06.05.2026 - aktuelle Autorin - Noémie Meier
Noémie Meier
ist 18 Jahre alt und die Jüngste von vier Kindern. Sie besucht das Gymnasium Kirchenfeld in Bern (Schweiz) mit dem Schwerpunktfach Biologie und Chemie. In ihrer Freizeit trainiert sie in einem Fechtclub, spielt Geige und Bratsche oder geht mit dem Hund der Familie spazieren. Neu erprobt sie seit einigen Jahren das literarische Schreiben, vor allem die Form Kurzgeschichte, aber auch mit Gedichten. In ihren Texten behandelt sie Themen, die sie selbst sehr beschäftigen.
Noémie Meier (18 Jahre)
Du bist am Zug
Meine Freund:innen und ich sitzen gemeinsam an einem Tisch in unserer Schule. Neben uns stehen zwei weitere Tische.
Wir sitzen in so einer Art Einbuchtung des Hauptflurs, wo wir immer zu Mittag essen. Manchmal hat es mehr Leute, manchmal weniger.
Bald beginnt jedoch die nächste Lektion, weshalb die meisten anderen Schüler:innen sich schon auf den Weg gemacht haben. Wir haben nachher Unterrichtsausfall, deshalb sitzen wir an unserem Tisch und spielen Jass.
Diesen Stich könnte ich holen, aber lieber lege ich eine Karte mit niedrigerem Wert. Ich warte noch auf einen besseren Stich. Doch ich warte die ganze Runde ab. Frustriert lege ich meinen Kopf in den Nacken. Da höre ich eine Melodie, die mir bekannt vorkommt. Zwei Tische hinter meiner Gruppe höre ich ein paar Jungs singen. Ich sehe sie nicht. Ich höre nur diese Melodie. Sie singen das Lied, welches letztens in den Schlagzeilen war. Es ist die Melodie von ‚L‘amour toujours‘. Ein ursprünglich harmloses Technolied von Gigi D‘Agostino. Auf der Ferieninsel Sylt, aber auch schon vorher, wurden zu diesem Lied rechtsnationale und rassistische Parolen gesungen.
Ich höre genauer hin. Ja, es ist genau diese Melodie, welche die Jungs laut auf einem Handy hören. Einer der Gruppe grölt dazu den faschistischen Text. Ich bleibe wie erstarrt sitzen. Mein Fokus ist von der Jassrunde weg ganz auf die Jungs hinter mir gefallen. Ich versuche einen Blick auf die Gruppe zu erhaschen, aber sie sind in meinem toten Winkel. Die Jungs lachen laut und singen weiter die Melodie mit. Ich drehe mich nun leicht, um einen Blick zu ermöglichen. Soweit ich es beurteilen kann, kenne ich keinen der Jungs, sie sehen etwas älter aus als ich es bin. Aber um sie beschreiben zu können, müsste ich mehr von ihnen sehen. Doch dann stoppe ich in der Drehung. Einer der Jungs ruft: „Ja, sollen die uns doch dumm anschauen.“
Ich schaue wieder auf meine Karten. Nicht umdrehen. Umdrehen? Ich habe so viel über gewalttätige junge Männer gehört. Und außer mir scheint sich niemand dafür zu interessieren. Eigentlich will ich die Typen ansprechen, eigentlich will ich ihnen meine Meinung sagen. Doch gleichzeitig habe ich Angst vor ihrer Reaktion. Meine Freund:innen sind voll und ganz auf das Spiel fokussiert. Ich allein gegen eine Gruppe älterer Jungs? Nein, das ist keine gute Idee. Vielleicht kann ich sie irgendwo melden, aber wo? Haben wir so etwas an unserer Schule? Würde man mich ernst nehmen?
Das Vorläuten erklingt, die Jungs gehen in ihre Klasse. Doch ich mache nichts.
Ich spüre einen leichten Stupser in meine Seite. Meine Freund:innen schauen mich erwartungsvoll an: „Hey, du bist am Zug!“