Gedicht des Tages

Doris Egger - Der Spatz (Gedicht des Tages)

 

der spatz

den vögeln zusehen wie sie
sich sammeln
untrüglich vom instinkt
geleitet

einen spatz beobachten
der sich ängstlich in eine
hausecke zurückgezogen hat
zu schwach
um mit den schwalben
in wärmere regionen ziehen zu können
spüren dass er nicht zu den
auserwählten gehört

mit dem spatz kommunizieren
mit telepathischen fähigkeiten
seine eingeweide zerlegen
und daraus
gleich den alten römern
das eigene schicksal
herauslesen

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Ulrike Kleinert - Die Herrin der Käse (Gedicht des Tages)

 

Die Herrin der Käse

Die Herrin der Käse
herrscht mit
einem Messer.
Sie teilt
gelbes Gold,
weißes, Kräutercreme,
Pastete,
lockt die Zungen
mit einer Messerspitze
voller Genuss.

Würziger Duft
hängt in ihren Kleidern,
die Namen der Käse
ihre Regierungserklärung,
ihre blonden Locken
über der Stirn wippen,
wenn sie die Käse wiegt.

Mit den Fingerspitzen
berührt sie das Geld,
nimmt es, schaut, wie
die Kasse es verschluckt.

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Rüdiger Stüwe - Grabrede im Bus (Gedicht des Tages)

 

Stüwe, Rüdiger: Köstritzer statt Klassik /Vorwort Günter Kunert

 

Grabrede im Bus

Er hat immer gegrüßt also ich
habe ihm eine Karte geschickt
es ist sehr schwer so jung
er hat vorher Kopfschmerzen gehabt
nimmt noch ne Tablette geht
zum Sport fällt um und ist tot
so schnell geht das
ich sag mir man hat auch
seine Wehwehchen
aber was ist das dagegen

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Marianne Pumb - Die Rabenmutter - Ein Heldinnenepos (Gedicht des Tages)

Die Rabenmutter
(ein Heldinnenepos)

Rabenfrau und Rabenmann
konnten sich gut leiden
balzten im Spätwinter dann
bauten’s Nest aus Zweigen
oben hoch im Baum.

Sie träumten ihren Traum
von sieben kleinen Raben
die wollten sie gern haben.

Und schon Ende Februar
brütete die Schwarzmama
bläulich Eier   wunderbar
und der stolze Rabenmann
schaffte flink das Essen ran.

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Elisabeth Lichter - Spuren (Gedicht des Tages)

 

Spuren

Spuren wenn man sie sucht
das Geheimnis der Welt
eine Silbe das Wort

mit Hoffen und Fürchten beschwert
von dem Gang der Zeiten auf weißer Wand
das Wort am Ende des Gastmahls

Wie im Nachtflug die erleuchtete
Stadt taucht auf entschwindet
wieder das Licht in der Dunkelheit

Mehr kommt uns nicht zu
so schwach unsere Augen

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Christina Goetze - Meine Traurigkeit (Gedicht des Tages)

Goetze, Christina: Ins Wort geholt

Meine Traurigkeit
Lagert über der Stadt
Zieht die Schleier vor den Mond
Dass er ermattet
Kittet die Dächer zusammen
Zu einem Riesenschild
Und meine lieben Lieder
Wollen nicht aufsteigen
Krepieren in der Kehle
Vor dem ersten Ton

Manchmal noch zittert die Seele
Wie das Mondlicht auf dem Fluss
Draußen vor der Stadt

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