Gedicht des Tages

Dieter Wöhrle: Sparmaßnahmen (Gedicht des Tages)

Sparmaßnahmen

Im „Treff“ war niemand drauf erpicht,
dass Kurt kam, soff, die Welt erklärte.
Die Barfrau übte gern Verzicht,
wenn er beim Bier sie heiß begehrte.

Mit ihm war in der Tat nichts los.
Von seinen Eisenbahnmodellen
er schwärmte. Doch man gähnte bloß,
und mochte ihn das auch verprellen.

Vor Kurzem kam er in den „Treff“,
zurück vom Urlaub aus dem Süden.
Es mimten Gäste, Barfrau, Chef,
als sie ihn sahen, gleich die Müden,

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Karin Flörsheim: Ein langer Weg (Gedicht des Tages)

 

EIN LANGER WEG

Einen langen Weg
Bin ich gegangen
Steinig
Sandig
Dornig

Doch Liebesworte
Sonnenwärme
Blütenduft
Gaben mir die
Lebensflügel

Verschenkt habe ich
Mein blaues Klavier
Meinen blauen Baum
Alt sind die Augen
Der Rücken steif

In meinen Träumen
Bin ich Kind
Im großen
Blumen-Wort-Garten

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Jacek T. Zielinski - Ohne Titel (Gedicht des Tages)

 

 

OHNE TITEL

Fremde Stadt knurrt mich an
ich stehe am Fenster
sie ist mein Verrat
Insel, orientalischer Schmetterling
nicht zu Ende geschriebene Elegie

wenn sie meine Demut im Verlies ihrer Grenzen hält
mag ich es

Jeden Morgen begrüße ich sie
mit Frühling in den Hosen
auf polnisch, persisch, deutsch
ich träume mich in ihre Eingeweiden
und warte

sie wird mir unterliegen

irgendwann

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Karin Flörsheim: Meine Seele möchte wandern (Gedicht des Tages)

MEINE SEELE MÖCHTE WANDERN

Aus dem Radio
Violinenklänge
Schon am Morgen
Meine Seele
Möchte wandern

In der Zeitung
Zu den Klängen
Von Chopin
Eine Milliarde
Menschen hungern

Mein Traumblick
Wird Todesmaske
Schwarzrot
Unfassbar
Diese Zahl

Meine Seele
Möchte wandern
Doch wird gebunden
In das Elend
Dieser Welt
 

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Dieter Wöhrle: Besuch vom neuen Hausbesitzer (Gedicht des Tages)

Besuch vom neuen Hausbesitzer

Tach, ich wollt´ Sie mal besuchen.
Mir gehört ja nun das Haus,
was kein Grund ist, gleich zu fluchen.
Nehme gern Kaffe und Kuchen.
Ja, ich sag´ es frei heraus,

hörte früher Rio Reiser,
war aktiv im Häuserkampf.
Heute mag ich´s etwas leiser,
fühl´ mich älter, reifer, weiser,
doch noch immer unter Dampf.

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Vanja Michailova . Ende (Gedicht des Tages)

ENDE

Wenn die Sterne in das Dunkel stürzen,
wenn die Sonne erlischt,
wenn im Himmel das Inferno ausbricht
und das lodernde Feuer
den Lauf der ewigen Zeit verschlingt …

Wenn das Licht ins Schwarze versinkt,
wenn der Geist dem Schrecken nicht mehr entrinnt
und zusammenbricht
und die Sinne verschließt
und nie wieder aufblickt in das des Tages verzerrte Gesicht …

Wenn der Schrecken die Sprache erstickt,
wenn Unschuldige weinen,

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Ursula Fricke: Der Clown (Gedicht des Tages)

DER CLOWN

Einmal muss die Welt sich drehn –
ich wär’ ein Clown … ja, das wär’ schön!
Und weil die immer lustig sind,
wär’ auch ich ein fröhlich Kind:

hüpfen, springen und auch lachen,
wirklich dummes Zeug mal machen,
und kein großer Bruder haut,
keiner schreit: „Sei nicht so laut!“

Keiner boxt mir in den Magen,
ich kann das so schlecht vertragen,
wenn es auch nicht so gemeint,

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Vanja Michailova - Verzweiflung (Gedicht des Tages)

VERZWEIFLUNG

Eines grauenhaft strahlenden Morgens
erwachte ich erneut widerwillig
in der Welt der Tatsachen.
Ich hasste mich
und verachtete die Menschheit.
Also stieg ich auf den Dachboden hinauf,
holte meine Kinderpistolen heraus
und überlegte fieberhaft,
ob ich mich erhängen
oder die Menschheit erschießen sollte.
 

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